Es sind die besten Jahre, meinen Marta und Dani mit Überzeugung, als sie das Essen vorberieten, den Tisch decken für die Feier mit Freunden, bevor Rufus noch eine Runde vor die Tür muss. Seit zwei Jahren sind die Beiden zusammen. Mit Anfang 30 nun die erste gemeinsame Wohnung, wenn auch nicht im hippsten Viertel von [...]
Kategorie: Gesellschaftsliteratur
‚Irgendwann werden wir uns alles erzählen‘ von Daniela Krien
Alles neu macht der Mai und dabei ist längst Sommer. Juni, Juli, den August liebt Maria besonders. Wenn es des nachts kühler wird, die drückende Hitze zum Ende hin nachlässt. Auf dem Brendel-Hof ist viel los um diese Zeit. Erntezeit ist. Das Obst will gepflückt werden, verarbeitet. Maria hilft, ist emsig. Packt an, wo sie [...]
‚Anleitung ein anderer zu werden‘ von Édouard Louis
Dorf, Dorf, Provinz. Vielleicht bekommt man den Jungen aus dem Dorf, das Dorf wohl aber nicht aus dem Jungen. Eddy versucht es. Ein Versuch, der ohne Unterlass zum Lebensziel wird. Zur Obsession und Verpflichtung, die eigene Herkunft auszulöschen. Kann Eddy von Glück sprechen, dass er ab dem 14. Lebensjahr das Gymnasium besucht und den sozialökonomisch [...]
‚Die Erweiterung‘ von Robert Menasse
Es ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine politische Bombe, die am helllichten Tag im Kunsthistorischen Museum Wiens zu ticken beginnt. Der Helm des Skanderbeg wurde gestohlen, mythisch und identifikationsstiftend für das kleine Albanien am Vorabend der großen Westbalkankonferenz in Poznań. Die Europäische Kommission bemüht sich redlich um gute Miene zum vertrackten Spiel. [...]
Achtung, Theater! – ‚Aufzeichnungen aus dem Kellerloch‘ am Berliner Ensemble
Es schneit. Leise rieselt der Schnee auf kalten, schwarzen Boden, der entschlossenen Schrittes begangen wird. Beschritten im Stillstand. Im Verharren steht der Unbekannte zum Absprung bereit. Zum Losrennen hinfort aus unwirtlichem Theaterlicht, dessen Spotlights kraftvoll ein so starkes Bild wechselseitig beleuchten, wie es es im weiteren Verlauf der 80-minütigen Inszenierung von Dostojewskis ‚Aufzeichnungen aus dem [...]
‚Samson und Nadjeschda‘ von Andrej Kurkow
Noch kurz bevor dem Elektrizitätswerk das Brennholz ausgeht, rumpelt die Neuner-Straßenbahn dem Bessarabska-Platz entgegen. Samson Koletschko erahnt, dass nicht nur die Straßenbahn stehen bleibt, sondern auch die Lichter erlöschen werden und Banditen, Räuber, Diebe und falsche Tschekisten die dunklen Gassen bevölkern. Quasi eigenmächtig haben sich bereits zwei zwielichtige Rotarmisten dem Arbeitszimmer des verblichenen Vaters bemächtigt. [...]
‚Alle, außer mir‘ von Francesca Melandri
Die Sommersonne steht hoch über Addis Abeba, als Attilio Profeti 1936 beschließt, für einige Zeit in Äthiopien zu bleiben – in der Hauptstadt des neuen Imperiums. Rom, das fade Rom, kommt auch ohne ihn aus, denkt Profeti selbstsicher. Profeti, groß, sportlich, intelligent, der sich seiner Selbst sehr sicher ist. Mit dieser Haltung verrichtet er seinen [...]
‚Zur See‘ von Dörte Hansen
Abgereist sind die Badegäste, die letzten, die man heute Touristen nennt. Hanne Sander nannte sie Badegäste. Seitdem sie Touristen heißen, nimmt sie keine mehr auf. Zu aufmüpfig, kein Glaube, keine Liebe, keine Hoffnung mehr auf andere Gäste. Also macht sie dicht, als ihr Mann, Kapitän i.R., beginnt, viele Jahren beginnt, bei seinen Vögeln zu hausen. [...]
‚Dschinns‘ von Fatma Aydemir
59 Jahre bist du, Hüseyin, 59. Wenige Tage noch, und du wärst 60 geworden. Dein Traum zum Greifen nahe. Eine Wohnung, deine eigene Wohnung in Istanbul. Gekauft hast du sie. Bezahlt vom Geld der jahrelangen Arbeit in Deutschland, diesem kalten, herzlosen Land. Du hast sie neu eingerichtet. Schön gemacht hast du es für euch, für [...]