‚Über Menschen‘ von Juli Zeh

Sie steht auf ihrem Flurstück und schaut. Sie, Dora, Neudörflerin. Dora beschließt, dass aus bloßem Schauen nichts werden kann. Wer zu viel grübelt, leistet nichts, schöner Wahlspruch im Charlottenburger Rathaus. Heute wird also gebrackt. Es wird ordentlich gebrackt und ihr Flurstück mit dem alten Gutsverwalterhaus bietet viel Spielwiese zum Bracken. Nochmal kräftig bracken, denkt Dora. [...]

‚Herr Wunderwelt‘ von Jörg Rehmann

Nicht Stadt und nicht Dorf ist dieser Flecken Industriegemeinde. Schkopau ist Dirks Heimatstädtchen hinter den Bunawerken im mitteldeutschen Braunkohlerevier. Dirk, im südhallenser Singsang auch gerne Dörg genannt, liebt sein Konglomerat zwischen Merseburg und Halle, liebt seine Großmutter, liebt die Schule und ganz besonders die DDR. Dirk wird auf Russischolympiaden delegiert, zu Schreibwettbewerben – gewinnen, gewinnen, [...]

‚Das neue Buch‘ von Rafael Horzon

Liebe Leser:innen, ich möchte euch auf eine Reise in das entfernte Land Berlin-Mitte entführen. Genauer gesagt in die Mitte von Mitte. Durch die Mitte von Mitte verläuft eine Straße, die Torstraße nämlich. Und stellt euch vor, euer Leben sähe ganz anders aus. Ohne Katze und ohne Vorgarten, ohne Kinder und ohne Carport, aber dafür mit [...]

‚Arbeit‘ von Thorsten Nagelschmidt

Leuchten, überall Leuchten. Über der Skalitzer, der Reichenberger, dem Kottbusser Damm. Ja, wird mit K geschrieben, Spackos. Was glotzt du so? Ist geschlossen! Kannste nicht lesen. Die Bull’n ham grad ihre Runde gedreht und jetzt verzieh dich. Zieh Leine! Auch ne Line? Bestes Hollywood in Kreuzberg 36. Wieder Leuchten, überall Leuchten und Lichter, gelbe und [...]

Achtung, Theater! – ‚Melissa kriegt alles‘ im Deutschen Theater

„Was ist mit dem hübschen Gesicht?“, fragt die Trance. Dem hübschen Gesicht, dass das ganze Spiel am Laufen hält? „Es ist eine postrevolutionäre Depression“, meinte Ray und sie treten zurück und hinaus und schauen hinab. Sie schauen hinauf auf die Hand. Auf ihre Hand und ihre Hände mit dem Kaffeebecher auf dem Kopf, der gekonnt [...]

‚Sanierungsgebiete‘ von Enno Stahl

Sich dem Prenzlauer Berg zuzuwenden, ist ein wunderbares Anliegen. Das Sanierungsgebiet Kollwitzplatz, begrenzt von Tor- und Danziger Straße, Schönhauser und Prenzlauer Allee, ist das wohl seltenst besprochene Wohnquartier überhaupt. Folgerichtig schreibt Enno Stahl über eben diesen Kiez eine große Geschichte: Vier Protagonist*innen, die sich kennen, schätzen – mehr oder weniger –, Pläne schmieden, manche verwerfen, [...]

‚Stern 111‘ von Lutz Seiler

„Weit vor der Einfahrt stoppte Carls Zug, begleitet von einem stählernen Stottern und Zucken, als hätte das Herz seiner Fahrt kurz vor dem Ziel plötzlich aufgehört zu schlagen [...] Aus irgendeinem Grund geschah es nicht selten, dass die Züge hier draußen, die Ankunft vor Augen, stehen blieben, für Minuten oder Stunden, es war wie eine [...]

‚Geboren am 13. August‘ von Jens Bisky

Geboren in einer Familie sozialistischer Bürgerlichkeit, Kulturbürgerlichkeit nach Leipziger Art. Nach Art der alten Messe- und Bücherstadt in gründerzeitlichen Altstadtvillen im Schatten der Karl-Marx-Universität. Was für eine Kindheit! Später dann hieß es Umzug. Umzug in die Hauptstadt der Republik. Umzug nach Ost-Berlin in eine Vorzeigewohnung über den Dächern von Marzahn. Sozialistische Provinz mit Jungenderfahrungen im [...]

Achtung, Theater! – ‚A Walk on the Dark Side‘ im Maxim-Gorki-Theater

Mit der Physik verhält es sich wie mit dem Theater: Hat man eine gute Sicht, lässt sich manches einfacher erkennen, einfacher nachvollziehen. Im besten Fall behält man den Überblick, wenn Dark Matter vom Nobelpreis schwadroniert und Papa Einstein für eine ziemlich hohle Nuss hält. Viel chilliger hingegen versteht Dark Energy so krassen Shit wie das [...]