‚Die Perfektionen‘ von Vincenzo Latronico

Der weite blaue Himmel entspricht in etwa jener Perspektive und Qualität des Fotos, in die sich Anna direkt verliebt bei ihrer Recherche nach Kurzzeitwohnangeboten. Sie könnten die herrlich großen Pflanzen pflegen, sagt Anna zu Tom. Und währenddessen könnten sie sich um ihre Jobs kümmern, erwidert er zu ihr. Etwas arbeiten, was nach wie vor Spaß, [...]

‚Vaterland‘ von Dieter Bongartz

Jeden Sonntag das Hochamt bei Dechant Rutge. Das war die Kindheit, erinnert sich der Junge, der jetzt als Mann, viel zu früh, schon das zweite Mal Krebs hat und noch nicht mal in der Rente ist. Er erinnert sich, wie sie Dechant Rutge bei der Messe dienten und der Vater immer, auch viel zu früh, [...]

‚Oroppa‘ von Safae el Khannoussi

Für manche ist sie die größte Künstlerin ihrer Zeit. Für wenige, und diese kennen sie gut, bleibt sie eine Verrückte. Entnervt versucht Hannah Melger ein drittes Mal Salomé Abergel ans Telefon zu kriegen, aber niemand nimmt ab. Als sie ein schüchternes ja, bitte am anderen Ende vernimmt und sich die Stimme als entfernte Verwandte vorstellt, [...]

‚Hillbilly-Elegie‘ von J.D. Vance

Das Substantiv Elegie beschreibt ein Gedicht mit wehmütiger Klage. Ebenso kann es Ausdruck sein für Schwermut oder Trostlosigkeit. Diese Trostlosigkeit hat Teile der amerikanischen Bevölkerung seit mindestens zwei Generationen erfasst. Sie greift um sich in unzähligen Familien und hat massive gesellschaftliche Auswirkungen, insbesondere für die weiße Arbeiterklasse – die heute in weiten Teilen so nicht [...]

‚Unsere Abende‘ von Alan Hollinghurst

David Win wächst bei seiner alleinerziehenden Mutter in einer Kleinstadt in Südengland auf. Seinen burmesischen Vater lernt er nie kennen. Seine Chancen in der konservativen Provinz wären nicht die besten gewesen, erhielte er nicht Anfang der 60er Jahre das Hadlow-Stipendium, das ihm die Ausbildung an einem ehrwürdigem Eliteinternat ermöglicht. Jährlich lädt die Stifterfamilie Stipendiaten auf [...]

‚Rom sehen und nicht sterben‘ von Peter Wawerzinek

Ein Gastbeitrag von Patrick Presch Peter Wawerzineks "Rom sehen und nicht sterben" ist ein Roman über die eigene Biografie und die Frage nach Lebenswillen und künstlerischer Identität. Der Autor verbringt als Stipendiat Zeit in Rom, erkundet die Stadt und arbeitet – mehr oder weniger. Die Pandemie, der Verlust wichtiger Manuskripte und eine Krebsdiagnose verändern alles. [...]

‚Zonen der Angst‘ von Michael Roth

Aufgewachsen am Rande der freien Welt wurde Michael Roth zu einem überzeugten Europäer. So lautet sinngemäß die Selbstbeschreibung eines Mannes, der von 1998 bis 2025 direkt gewähltes Mitglied des Deutschen Bundestages war, von 2009 bis 2021 Staatsminister für Europa und zuletzt Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses gewesen ist. Um Roths Stationen nachzulesen, braucht es nicht die [...]

‚Hundesohn‘ von Ozan Zakariya Keskinkılıç

Maşallah, mein Hübscher, mein Schöner. In zehn Tagen, nein, in neun, werde ich dich wiedersehen. Deinen Duft nach Orangen und Meersalz riechen, deine schwarzen Haare berühren, verzehrt werden, versinken in deinem Blick. Hassan, in neun Tagen komme ich zu dir nach Adana – nicht zurück, nein. Du wolltest mich nie, wie ich dich wollte, du [...]

‚Die Schwestern‘ von Jonas Hassen Khemiri

Die Uhr schlägt kurz vor 12 an Silvester vor dem Jahrtausendwechsel, als Ina, Anastasia und Evelyn in einem hippen Stockholmer Atelierhaus aufschlagen. Der Raum ist voll, die Party in vollem Gange. Junge und nicht mehr ganz junge Menschen feiern, tanzen, trinken und taumeln der Mitternacht entgegen. Es ist die Nacht, die Ausgangspunkt ihrer Geschichte sein [...]