‚Zur See‘ von Dörte Hansen

Abgereist sind die Badegäste, die letzten, die man heute Touristen nennt. Hanne Sander nannte sie Badegäste. Seitdem sie Touristen heißen, nimmt sie keine mehr auf. Zu aufmüpfig, kein Glaube, keine Liebe, keine Hoffnung mehr auf andere Gäste. Also macht sie dicht, als ihr Mann, Kapitän i.R., beginnt, viele Jahren beginnt, bei seinen Vögeln zu hausen. Driftland nennen sie die Flecken Matsch im Wattenmeer. Fünf Meter über Null, auf Stelzen und mit undichten Fenstern, lebt Jens Sander tagein tagaus. Fünf Meter über Null, ganz gleich welche Prophezeiung Ryckmer, sein Ältester, aus selbstgeführten Fluttagebüchern orakelt. Henrik Sander kümmert das nicht. Die Morgenrunde mit dem Hund, barfuß am Strand, im Wasser, dem kalten. Warme Stickpullover liegen im Schrank zu Genüge.

„Die Gesetze der Gekränkten gelten wohl auf allen Inseln: nie zu freundlich zu Touristen sein. Nicht lächeln. Nicht mit ihnen plaudern. Ihre Fragen höchstens einsilbig beantworten. Weil man die Hand, die einen füttert, nicht noch küssen muss.“ (S. 191)

Nicht zu freundlich, nicht lächeln, außer zu den Badegästen. Die Weihnachtskarten schon inbegriffen im Preis. Analoge Kundenbindung, für die die Kinder während der Saison ihre Zimmer räumen. Abgestellt und rausgeholt, um brave Kinder zu spielen. Kommt daher das Memento mori? Oder der Folklore wegen, der alten Geschichten über Grönlandfahrer, den Walfängern, von denen die eine Hälfte ertrank und die andere anfing, Häuser mit Delfter Fliesen zu errichten? Das Memento mori schwingt mit in allen 14 Kapiteln. Mal als seichte Sommerbriese, doch oft als entfesselter Orkan, der nicht weiß, wohin.

Und weshalb? Weil sich das Leben ändert? Die eigene Zukunft nicht die sein wird, die sich Urgroßväter und Väter für ihre Söhne und Enkel vorstellten? Auf Walfängern im Nordmeer erfrieren? Dörte Hansen widmet sich in ihrem dritten Roman ‚Zur See‘ diesen Fragen der Inselmenschen. Dem Leben zwischen glorifizierter Vergangenheit und widerwilliger Annahme im Hier und Jetzt auf den Grund gehen. Und warum? Auf 255 Seiten bleibt unklar, wohin die Reise geht. Ob Nordwestwind weht, die Flut kommt, der Sturm hier keine Wogen glättet und den Rest der Tradition im Meer versenkt.

Dörte Hansens Sujet, das typisch norddeutsche Milieu abseits der wenigen großen Städte, bildet die Kulisse für einen Roman, der mäandert wie Ebbe und Flut. Ein Roman, dessen Tidenhub Pottwale an den Strand spült und man sich fragt: Ein Gotteszeichen der Vorfahren von Hanne, Jens und all den alten Inselmenschen? Oder schlicht Stilmittel, das als letztes Aufbäumen protestantischer Sozialethik im Schlick vor Dörte Hansens fiktiver Nordseeinsel liegt?

Als versöhnliches Fazit ist ‚Zur See‘ eine Hommage an das dazumal harte Leben an und auf der See. Ein Roman, der wunderbar geschrieben in Winterstürme entführt und zu Strandspaziergängen im Nebel einlädt. Für beschwingte Strandtage empfehle ich andere Lektüre.

  • Gelesen im Oktober 2022
  • Ein Zufallsfund nach eigener Recherche auf einem der vielen Nachrichtenportale.

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