‚Die Erweiterung‘ von Robert Menasse

Es ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine politische Bombe, die am helllichten Tag im Kunsthistorischen Museum Wiens zu ticken beginnt. Der Helm des Skanderbeg wurde gestohlen, mythisch und identifikationsstiftend für das kleine Albanien am Vorabend der großen Westbalkankonferenz in Poznań. Die Europäische Kommission bemüht sich redlich um gute Miene zum vertrackten Spiel. Adam Prawdower und seine Kolleg:innen aus der Kommission versuchen nach Kräften, die politischen Ränkespielchen einiger Mitgliedsstaaten gekonnt ins Leere laufen zu lassen. Zuvorderst steht Polen, das sich strikt weigert, das überwiegend muslimisch geprägte Albanien in die Union aufzunehmen. Adam weiß um diese Haltung und weiß um die politische Drift nach rechtsaußen des polnischen Ministerpräsidenten.

Adam kennt Mateusz, den polnischen Regierungschef, aus Kindertagen, als sie gemeinsam in Obhut der Katholischen Kirche ihren Eid ablegten auf das freie Polen und die Kämpfende Solidarność. Nun ist der eine hoher Beamter bei der Europäischen Kommission, Kosmopolit, Kulturmensch mit Hang zur verbissenen Melancholie, während der andere die alten Ideale vermeintlich verrät, mit denen sie aufwuchsen und auf die sie einst Blutsbrüderschaft schworen. Wären da nicht noch der gestohlene Helm auf seiner wundersamen Irrfahrt, ein leitender Wiener Kriminalbeamter mit familiären Kontakten in die Kommission, das komplizierte Wirrwarr an Vorschriften und Seilschaften und überhaupt die manchmal skurrilen Interessen von Kapitänen in den Regierungszentralen europäischer Hauptstädte.

653 Seiten Europa! 653 Seiten Politik! 653 Seiten Geschichten, die das Leben nicht schreibt, aber Robert Menasse in seinem aktuellen Roman ‚Die Erweiterung‘. ‚Die Erweiterung‘ ist die vermeintliche Fortsetzung des prämierten Romans ‚Die Hauptstadt‘, lässt jedoch bis auf das Sujet keinen tatsächlichen Zusammenhang zum ersten Europa-Roman erkennen. Was auch nicht weiter schlimm ist, denn Menasse hat ein Personaltableau aufgefahren, dessen Geschichten, Ambitionen, Ziele und persönliche Situationen reichlich Stoff bietet für doppelt so viele Seiten.

Mit Kenntnisreichtum und sprachlicher Präzision ist ‚Die Erweiterung‘ ein Roman über die Leitideen europäischer Politik im dritten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends. Ein Roman, der zurück in die Geschichte blickt, Kontinuitäten herausarbeitet, politische Mechanismen destilliert und in einer gehaltvollen Suppe lange kochen lässt. Ein Roman, der kritisiert, was zu kritisieren ist und betont, was die Europäische Ordnung für ein Schatz ist, der oft, viel zu oft vergessen wird im Jahre 2022.

Mein Fazit also: Tragt Lederhosen und trinkt im Heurigen. Feiert die Feste der Regionen und versammelt euch mit den bunten Flaggen der 26 hinter dem goldenen Sternenbanner auf dunkelblauem Grund. ‚Die Erweiterung‘ ist so verwoben und verworren wie das Beziehungsgeflecht am Rondpunt Schuman.

  • Gelesen im November 2022
  • Aufmerksam geworden durch die Ankündigung des Suhrkamp Verlages.

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