‚Abel und Joe‘ von Michael Sollorz

Der Rasierer klemmt noch hinter dem Heizungsrohr. Verlassen hat er mich nicht, denkt Abel in trügerischer Ahnung. Eine Unruhe breitet sich merklich in seiner Wohnung aus, die sie gemeinsam seit vielen Jahren bewohnen. Aus der vierten Etage am Bersarinplatz schauen sie direkt auf den Turm der Galiläakirche. Zuversicht spendet er keine. Abel muss raus. Raus [...]

‚Unsere Abende‘ von Alan Hollinghurst

David Win wächst bei seiner alleinerziehenden Mutter in einer Kleinstadt in Südengland auf. Seinen burmesischen Vater lernt er nie kennen. Seine Chancen in der konservativen Provinz wären nicht die besten gewesen, erhielte er nicht Anfang der 60er Jahre das Hadlow-Stipendium, das ihm die Ausbildung an einem ehrwürdigem Eliteinternat ermöglicht. Jährlich lädt die Stifterfamilie Stipendiaten auf [...]

‚Stadt‘ von Thomas Korsgaard

Drei Jahre sind vergangen und Tue verhält sich, wie sich ein siebzehnjähriger Teenager verhält: Er ist launisch, versucht, die Welt zu entdecken, will weg, ausbrechen, aber endet bereits an der erstbesten Bushaltestelle. Mutig ist Tue, doch trotz seiner Unbändigkeit lähmt seine Destruktivität jede Kraft, die nicht weiter reicht als bis in die nächste Kleinstadt. Gleichzeitig [...]

‚Nacht ohne Morgen‘ von Benoit d’Halluin

Glücklichsein, den Moment spüren, ihn zulassen und annehmen. Gerade darin ist Alexis großartig. Marc, der ihn vor wenigen Wochen an der Côte d'Azur kennengelernt hat, ist hin und weg. Tag für Tag inspiriert ihn diese Haltung und er verliebt sich in diesen schönen Mann. Seinen Mann, mit dem er ab sofort zusammenlebt. Der nun, zwei [...]

‚Noto‘ von Adriano Sack

Nach Adrianos kürzlichem Tod sind Oben und Unten vertauscht. Die Institutsleitung hat Konrad freigestellt – solange er möchte – und die Zeit nutzt er zum Ordnen seiner Gedanken, seiner Pläne, seines Lebens. Für Konrad scheint die Gravitation außer Kraft gesetzt. Nur die Fähre nach Palermo geht mit italienischer Pünktlichkeit. Vor wenigen Jahren haben sie sich [...]

‚Die Lüge‘ von Mikita Franko

Was braucht ein Kind, um glücklich zu sein, um behütet aufzuwachsen? Raum, um die brodelnde Neugier auszuleben, gewiss. Zeit, um die Welt im eigenen Tempo zu entdecken. Liebe und Zuneigung, Vertrauen natürlich. Eine Familie, die hinsieht und Bedürfnisse spürt, ganz klar. Mutter und Vater auch? Nicht zwangsläufig, würde Miki sagen, der bei einem schwulen Paar [...]

‚Sauhund‘ von Lion Christ

„Mei, Flori, was hasts nu schoa wieder fürn Schmarrn oagestellt?“, sagt die Stimme aus dem Off. Die Mutter am Gängeln, die Wolfratshauser Enge lastet erdrückend schwer auf der 20 Jahre alten Brust. Schnell schön werden sollst du, Bub, sagt Flori wie in Trance zu sich selbst. Schön werden und schnell fort von hier. Groß rauskommen, [...]

‚Damals im Sommer‘ von Florian Gottschick

„Fragte man mich noch vor ein paar Jahren, woher meine ungemütliche Penibilität mit der deutschen Sprache kommt, schob ich es auf meine Mutter […] Diesen Perfektionismus habe ich in den letzten Jahren immer mehr versucht abzulegen. Er war mir viel mehr ein Gefängnis als eine Befreiung. Heutzutage überfällt mich keine akute Hyperhidrose mehr, wenn ich [...]

‚Young Mungo‘ von Douglas Stuart

Regen peitscht über das schroffe Bergland im kurzen schottischen Sommer. Einige Tage abseits der Stadt soll Mungo etwas vom Leben lernen. Zelten, angeln, Zeit in männlicher Umgebung verbringen. Zeit, die er mit seinem früh verstorbenen Vater nie hatte. Mo-Maw, Mungos Mutter, hält es für eine gute Idee, und Mungo, ja Mungo, wäre zweifelsohne viel lieber [...]