‚Irgendwann werden wir uns alles erzählen‘ von Daniela Krien

Alles neu macht der Mai und dabei ist längst Sommer. Juni, Juli, den August liebt Maria besonders. Wenn es des nachts kühler wird, die drückende Hitze zum Ende hin nachlässt. Auf dem Brendel-Hof ist viel los um diese Zeit. Erntezeit ist. Das Obst will gepflückt werden, verarbeitet. Maria hilft, ist emsig. Packt an, wo sie kann. Die alte Frieda lobt sie dafür. Auch der Siegfried, Johannes‘ Vater, meint nun oft, wie gut das Essen schmeckt, die Suppe, der Kuchen, die Marmelade.

Vor einiger Zeit ist Maria zum Johannes gezogen. Raus musste sie aus dem alten Haus der Mutter. Auf den Brendel-Hof zum Johannes wollte sie, der ihr Freund ist. Der mit ihr weggehen will in dieser unruhigen Zeit der großen Pläne und Hoffnungen. Ob sie ihn begleiten wird? Wo es sie doch wegzieht. Gar nicht weit weg, sondern vis-a-vis zum Henner-Hof und diesem Mann. Im Hofladen von Johannes‘ Mutter, der Marianne, steht er nun. Wie die Marianne ihn anschaut. Ein Mann in ihrem Alter, verwegen, kräftig.

„Es ist das erste Mal, dass er mich Frau nennt. Wenn er wüsste, wie sehr ich mich gerade als Kind fühle, dann wäre er wohl enttäuscht. Jetzt muss ich erwachsen werden. Gerade jetzt, wo es nach vorne so viele Möglichkeiten gibt, schließt sich die Tür zur Kindheit für immer.“ (S. 235)

Im Wendejahr 1990 hat Daniela Krien ihren Erstling angesiedelt, der bereits 2011 erschien und aktuell neu aufgelegt wurde. Krien, die Meisterin der Reduktion, des stillen Erzählens des Wesentlichen, stellt die 17-jährige Maria in den Mittelpunkt ihres Romans, die überkommen von Gefühlen, der weiten Zukunft und vielen Möglichkeiten, eigentlich nur das eine will: Ihn. ‚Irgendwann werden wir uns alles erzählen‘ sind 257 Seiten, die durch den Thüringer Sommer mäandern. Die voller Zuwendung die jugendliche Zerrissenheit der Protagonistin in eine Landschaft stellt, die von alledem nur wenig mitbekommt was passiert zwischen November ´89 und Oktober ´90,

Während auf dem Brendel-Hof die Zukunft beginnt, so ist Henner nicht nur Antagonist, sondern Symbol für die alte Zeit in einem mehrdimensionalen Roman, dessen Rahmenhandlung sich erst am Ende erschließt. Krien hat mit ‚Irgendwann werden wir uns alles erzählen‘ einen Roman geschrieben, für den ich weit mehr als 100 Seiten brauchte, um mich fallen zu lassen in diese Geschichte mit sehr weiblicher Perspektive. Mein Fazit: Kriens Texte sind wunderbare Literatur über Menschen, deren Geschichten selten erzählt werden und noch seltener mit so viel Zuneigung.

„Das Schreibhandwerk zu lernen, ist das eine, aber der Zustand, von dem ich spreche, zeitigt eine andere Art des Schreibens. Erst hier beginnt der Bereich der Kunst. In unserer entzauberten, rationalen Welt hat die Erkenntnis, dass sich der künstlerische Schaffensprozess letztlich jeder Kontrolle entzieht, etwas zutiefst Beruhigendes.“ (S. 9, Vorwort der Autorin)

  • Gelesen im Dezember 2022
  • Aufmerksam geworden durch eine Programmbeilage Verlages

2 Antworten auf „‚Irgendwann werden wir uns alles erzählen‘ von Daniela Krien

  1. Lieber Michael,
    Danke für diese tolle Rezension gerade zur richtigen Zeit. Ich war noch auf der Suche nach einem passenden Weihnachtsgeschenk für einen guten Freund und dieses Buch ist perfekt!!! Also danke für den Fingerzeig auf dieses Buch und ich freue mich weitere Rezensionen von Dir
    LG Laszlo

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