In der sibirischen Weite, beengt in ihrer Kommunalka hören sie den Trauermarsch immer und immer wieder zum Gedenken an den Generalsekretär. Möge die Einheit der Union der sowjetischen Völker ewig fortbestehen – auch nach dem 11. März 1985. Unter dem bröckelnden Putz der Gründerzeit leben vier Generationen zusammen in einem, in ihrem Haus. Wie um [...]
‚Märtyrer!‘ von Kaveh Akbar
Cyrus könnte glücklich sein – ist es aber nicht. Das letzte Treffen der Anonymen Alkoholiker verlässt er frustriert, und das klärende Gespräch mit seinem Mentor trägt nicht zur Besserung seiner Stimmung bei. Regelmäßig besucht er die Gruppe, seit er ernsthaft dem Alkohol abgeschworen hatte. Seine Abstinenz gilt übrigens auch für alle anderen harten Drogen, an [...]
‚Zerstörungslust‘ von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey
Eine Erklärung für das weltweite Erstarken rechter Parteien zu finden und diesem globalen Phänomen einen Namen zu geben, ist Hauptschwerpunkt aktueller sozialwissenschaftlicher Forschung. Neben Steffen Mau (Triggerpunkt) und Andreas Reckwitz (Die Gesellschaft der Singularitäten) sind im deutschsprachigen Raum die prominentesten Wissenschaftler:innen auf diesem Feld Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey. Nach ‚Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären [...]
‚Unsere Abende‘ von Alan Hollinghurst
David Win wächst bei seiner alleinerziehenden Mutter in einer Kleinstadt in Südengland auf. Seinen burmesischen Vater lernt er nie kennen. Seine Chancen in der konservativen Provinz wären nicht die besten gewesen, erhielte er nicht Anfang der 60er Jahre das Hadlow-Stipendium, das ihm die Ausbildung an einem ehrwürdigem Eliteinternat ermöglicht. Jährlich lädt die Stifterfamilie Stipendiaten auf [...]
‚PNR: La Bella Vita‘ von Sibylle Berg
Die 22. Maxime für die Zeit nach der Revolution lautet: „Jeder Mensch hat das Recht auf einen erholsamen Schlaf“. Mit diesem banalen wie einsichtigen Grundrecht im Verfassungsrang hat Sibylle Berg auf Seite 100 ihres aktuellen Dystopieschinkens ‚PNR: La Bella Vita‘ einen erstaunlichen Punkt gesetzt. Nämlich, dass sie sich verrannt hat in ihrer neoanarcho-postkapitalistisch-marxistischen Zukunftstrilogie. Nach [...]
‚Let’s Talk About Feelings‘ von Leif Randt
Mit der Entscheidung, ihre Beisetzung auf dem Wasser stattfinden zu lassen, setzte sich Marian letztlich gegen seinen Vater Milo durch, der die frischen Butterbrezeln, eingeschlagen in weiße, sorgfältig gelegte Stoffservietten, zunächst als überflüssig kritisierte, sie beim Verzehr dennoch lobte. Während seiner Zeit auf dem stillgelegten Ausflugsdampfer seines Vaters betonte Marian die Bodenständigkeit und Wahrhaftigkeit des [...]
‚Rom sehen und nicht sterben‘ von Peter Wawerzinek
Ein Gastbeitrag von Patrick Presch Peter Wawerzineks "Rom sehen und nicht sterben" ist ein Roman über die eigene Biografie und die Frage nach Lebenswillen und künstlerischer Identität. Der Autor verbringt als Stipendiat Zeit in Rom, erkundet die Stadt und arbeitet – mehr oder weniger. Die Pandemie, der Verlust wichtiger Manuskripte und eine Krebsdiagnose verändern alles. [...]
‚Zonen der Angst‘ von Michael Roth
Aufgewachsen am Rande der freien Welt wurde Michael Roth zu einem überzeugten Europäer. So lautet sinngemäß die Selbstbeschreibung eines Mannes, der von 1998 bis 2025 direkt gewähltes Mitglied des Deutschen Bundestages war, von 2009 bis 2021 Staatsminister für Europa und zuletzt Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses gewesen ist. Um Roths Stationen nachzulesen, braucht es nicht die [...]
‚Hundesohn‘ von Ozan Zakariya Keskinkılıç
Maşallah, mein Hübscher, mein Schöner. In zehn Tagen, nein, in neun, werde ich dich wiedersehen. Deinen Duft nach Orangen und Meersalz riechen, deine schwarzen Haare berühren, verzehrt werden, versinken in deinem Blick. Hassan, in neun Tagen komme ich zu dir nach Adana – nicht zurück, nein. Du wolltest mich nie, wie ich dich wollte, du [...]