‚Anleitung ein anderer zu werden‘ von Édouard Louis

Dorf, Dorf, Provinz. Vielleicht bekommt man den Jungen aus dem Dorf, das Dorf wohl aber nicht aus dem Jungen. Eddy versucht es. Ein Versuch, der ohne Unterlass zum Lebensziel wird. Zur Obsession und Verpflichtung, die eigene Herkunft auszulöschen. Kann Eddy von Glück sprechen, dass er ab dem 14. Lebensjahr das Gymnasium besucht und den sozialökonomisch gesellschaftlich vorgezeichneten Weg verlässt? Dass Eddy Elena trifft und ihre Freundschaft gewinnt? Dass er aufgenommen wird im Hause ihrer Eltern und eingeführt in die bürgerlichen Gepflogenheiten der Provinzstadt? Dass sein unstillbarer Wunsch, auszubrechen, besser zu werden als all die anderen, sie es spüren zu lassen, dass all die Beleidigungen, Herabsetzungen, Schläge ihr Irrtum waren und er, Eddy, es wert ist, geliebt zu werden? Die kleine Schwuchtel, dessen Vater, dessen ganze Familie sich seiner schämt? Die nicht Fußball spielt, dafür aber affektiert gestikuliert und Verhalten imitiert, ohne zu wissen, was durch Gestus und Habitus vermittelt wird?

Bei Elena, ihrer Familie, an der Universität ist alles anders. Man schätz ihn, ermutigt Eddy, der zu sein, der er ist. Und Eddy ist der, der er ist. Er trifft Männer. Unbekannte Männer auf Parkplätzen, verabredet sich im Internet, besucht sie in Hotelzimmern und betrügt sich in der Annahme, angekommen zu sein. Bis er schließlich Didier trifft an der Universität bei einer Lesung seines neuen Buches. Dies ist der zweite Wendepunkt im Leben des Eddy Bellegueule, des Édouard Louis und seiner teilfiktionalen Autobiografie über die Flucht aus der inneren und äußeren Kleinstadt seiner Jugend auf seinem Weg in die vermeintlich große Welt.

„Nach der Begegnung mit Elena entschied ich mich für einen neuen Lebensstil, für die Codes einer neuen Klasse und für alles, was damit in Verbindung stand, Kunst, Literatur, Film, weil ich auf diese Weise Rache für meine Kindheit nehmen konnte, weil es mir Macht über dich, über meine Herkunft, über die Armut, über die Beleidigung verlieh […]“ (S. 48)

Oft sind es die kleinen Unterschiede, selten die großen. In Eddys Fall sind es beide, die die Pole in Édouard Louis‘ Roman ‚Anleitung ein anderer zu werden‘ markieren. Die 272 Seiten, gegliedert in vier Kapitel zuzüglich doppelten Prologs und Epilog, sind die Fortsetzung des ebenfalls autobiografischen Textes über die eigene Kindheit in einem nordfranzösischen Dorf. Louis‘ neuer Roman verbindet auf bemerkenswerte Weise das individuell Erlebte als Fundament mit dem soziologischen Überbau. Einerseits die Scham, nicht dazuzugehören, ganz offensichtlich durch Kleidung oder Äußeres oder das Unwissen, beispielsweise welches Besteck für den zweiten Hauptgang verwendet wird. Andererseits die mitunter erdrückende lebenslange Scham, falsch zu sein an diesem Ort. Falsch zu sein, ein Eindringling, ein Schmarotzer, den man belächelt, mit dem man spielt, solange er amüsiert und ihn fallen lässt, sobald man seiner überdrüssig wird. Die Angst, enttarnt zu werden als jemand, dessen Platz in diesem verschissenen Dorf zu sein hat, weit weg von hier, von diesem noblen, weltläufigen Ort. Nicht geografisch, sondern sozial.

Die 272 Seiten sind 272 Seiten über das Aufwachsen und frühe Erwachsenenalter queerer Menschen. Spiegelbildlich erkannte ich mich gefühlt in jedem zweiten Satz. Mit 14 Jahren an der Realschule, mit 16 das erste Mal auf der Theaterbühne, mit 21 an der Uni, mit 28 an einem herausgehobenen Arbeitsplatz von dem meine Familie bis heute nicht versteht, was ich dort tat. Louis‘ ‚Anleitung ein anderer zu werden‘ berührt mich zutiefst und katapultiert die Lesendenschaft zurück in verbaute Katakomben grauer Erinnerungen. Darin besteht gleichzeitig die wesentliche Kritik an Louis‘ Roman. In negativer Lesart kann man dem Autor unterstellen, besonders emotionalisierend die erlebten sozialen Grausamkeiten, ausformuliert als Rechtfertigung zu gebrauchen und sein Gewissen reinzuwaschen für zutiefst ungerechtes Verhalten gegenüber den Menschen, die ihm halfen, die ihn liebten. Eine narzisstische Kränkung par excellence. Positiv formuliert schildert der Autor mit Zudichtung und Auslassung seine Jugend so schockierend ehrlich, dass diese Ehrlichkeit als entwaffnende weiße Fahne um Verzeihung bittet gegenüber seinem Vater, seiner Mutter, seinen Freund:innen im Damals und im Heute und Hier.

In der Gesamtschau ist ‚Anleitung ein anderer zu werden‘ ein Roman, der trotz lektoraler Schwächen soziologische Grundlagen mehrdimensional auf das eigene Selbst des Ich-Erzählers und Protagonisten anwendet. Ein Roman, der Biographiearbeit bedeutet. Der Bourdieu ganz praktisch anwendet und zugleich das oftmals unausgesprochene, unglaubliche Leid queerer Menschen in Kindheit und Jugend authentisch vorträgt. Ein Roman, der anklagt und einklagt als Ermutigung zur Selbstermächtigung.

Wenn Hendrik Bolz die Teenagerzeit in der Provinz auf die eine Weise beschreibt, beschreibt Édouard Louis viele weitere Facetten auf die andere Weise, die untergründig sind. Viele gesalzene Finger legt Louis auf schlecht verheilte Wunden, die von Herkunft, Klasse, Familie, Armut und dem unbedingten Willen nach sozialem Aufstieg erzählen. Ein Roman, der hoffentlich Schullektüre wird.

  • Gelesen im Dezember 2022
  • Ganz herzlichen Dank, lieber Patrick, für dein wunderbares Geschenk.

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