‚Im Menschen muss alles herrlich sein‘ von Sasha Marianna Salzmann

Und bald schon wirst du lernen und fleißig sein, sagt Lenas Vater, der Lehrer ist und seinen Beruf wohl gerne mag. Mag er ihn? Lena weiß es nicht. Aber sie weiß, dass die Schule beginnt und es keine Sommer bei der Großmutter mehr geben wird. Keine Sommer in Sotschi am Meer. Keine Walnüsse mehr sammeln und sie zum Markt bringen mit der Großmutter. Lernen, fleißig sein – ein Umbruch und zwar der erste.

Lena wird älter. Eine hübsche Frau, während ihr Vater stiller und die Mutter schmaler wird. Irgendeine Krankheit, keine:r weiß welche, aber die Ärztin, diese Ärztin. Was weiß sie schon, außer dass die Ersparnisse von Lenas Eltern Monat für Monat, Behandlung über Behandlung, in kleinen Präsenten verpackt, das Leben dieser Ärztin noch – ja was? Besser? – leichtgängiger machen. Würde es doch der Mutter endlich besser gehen. Lena wünscht es und beschließt, Medizin zu studieren. Wie naiv zu glauben in diesen Fleischwolfjahren, den Jahren der Perestroika und danach, die gute Uni, sie hätte sie verdient, könnte ihre werden. Ohne ausreichend Vitamin B, lächerlich. Die verlangte Summe: verbrecherisch. Also warten, ein Jahr warten. In diesem Land der Businessmen, der Verbrecher, das längst vor die Hunde geht.

Frei sein wollen alle auf einmal. Frei sein, Geschäfte machen, alle Republiken kämpfen für Unabhängigkeit ohne zu wissen, weshalb. Gewalt, Korruption. Nichts außer Schmiergeld regiert, doch im Menschen muss alles herrlich sein, während die Alten in alten Welten leben, nichts verstehen, sich verschanzen hinter Zitaten, Vergangenem, Untergegangenem. Ein Leben ohne Boden genährt aus Aphorismen der Gestrigen.

Mit ‚Im Menschen muss alles herrlich sein‘ richtet Sasha Marianna Salzmann ihren Scheinwerfer auf vier Frauen und erzählt auf 381 Seiten vom (post)-sowjetischen Alltag, den Umbruchjahren, einer wild gewordenen Welt und dem Weg nach Westen. Die Migration als Ausweg – ob freiwillig oder als Einsicht in die Notwendigkeit.

Nach ihrem Erstling ‚Außer sich‘ hat Salzmann konsequent Menschen ins Zentrum gestellt, die ihre Geschichte verleugnen und doch erkennen, das Altes prägt und Gemeinsamkeiten schafft. Der zweiteilige Roman blickt zurück in die Ukraine der Sowjetzeit und der Umbruchzeit, die vier Frauen unterschiedlich durchleben. Durchstehen. Die Flucht vor sich selbst, vor der Vergangenheit, um das eigene Glück, ein besseres Leben zu finden unter Menschen, die doch dieselben sind wie im alten Daheim.

‚Im Menschen muss alles herrlich sein‘ ist ein Roman, der in feministischer Perspektive wie für das Theater geschrieben ist. Der verstört und erstaunt. Der Rollen entgrenzt, Geschlechterfragen immer und immer wieder im Subtext geschickt zum Abendbrot serviert, sodass Sasha Marianna Salzmann erneut einen inspirierenden Beitrag in oft ziellosen Diskussionen leistet, der auch außerhalb der Maxim-Gorki-Theatergemeinde gelesen werden sollte.

  • Gelesen im Juni 2022
  • Aufmerksam geworden durch die Besprechung in der Süddeutschen vom 25. September 2021.

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