Achtung, Theater! – ‚Außer sich‘ von Sasha Marianna Salzmann im Maxim-Gorki-Theater

Manche Dinge müssen wehtun, um gut zu sein – müssen schmerzen, um gut zu werden: die 36 Stunden im Zug Moskau-Berlin, der Tod des Vaters, die Testosteron-Injektionen, ein Theaterabend. Es ist die Geschichte aus den jungen Leben von Alissa und Anton. Zweier Leben zwischen den Welten. Zwischen der (post-)sowjetischen und der westlich-deutschen Wirklichkeit, auf der Suche nach dem eigenen Ich, der eigenen Identität. Zweier Leben, die in Moskau in Anfang nehmen, in Berlin erwachen und in Istanbul zu explodieren drohen, also Katho das russische Volkslied Katjuscha über den gleichnamigen Mehrfach-Raketenwerfer singt und Erdogan den Gezi im Tränengas ertränkt.

Sasha Marianna Salzmanns Debütroman ist grotesk und gleichermaßen alltäglich. Alltäglich durch zigtausende Einwanderungsbiografien aus ehemals sowjetischem Einflussgebeit. Und deshalb grotesk, weil für die Mehrheitsgesellschaft befremdend, nicht nachvollziehbar, schlicht unbekannt. Salzmann lässt Alissa und Anton über Transgenderfragen debattieren, während deren Eltern ihr Leben verachten und dabei rekapitulieren, wie sie aus Odessa und Moskau zu einer Ehe kamen, die einiges versprach, Weniges davon hielt und zu früh Kinder schenkte. Es verwundert, dass sich ‚Außer sich‘ 2017 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreis wiederfand. Dass das Gorki allerdings einen Roman über subkulturelle Fragen auf die Bühne bringt, ist umso konsequenter, zumal die Autorin am Festungsgraben keine Unbekannte ist.

Was in der Romanvorlage noch relativ galant daherkommt, wird auf der Bühne zum absoluten Außer-sich-sein der Protagonisten. Während die Gorki-Hausautorin die Leben von Alissa, Anton und Familie auf 365 Seiten zwar zeitlich asynchron, doch immerhin nachvollziehbar als Abreißkalender für jeden Tag zu Papier bringt, wirbelt Sebastian Nübling die Kapitel mehrfach durch die Luft, was eine schwerlich nachvollziehbare Inszenierung zur Folge hat. Ohne Vorkenntnis trägt auch das ausgezeichnete Ensemble  wenig dazu bei, die dramaturigisch Unschärfe auf der Bühne zu bündeln, um den Inhalt zu durchdringen. Zudem kommt die reichlich intellektuelle Verhandlung arg trocken daher. Die queeren Lichtblicke sind Appetizer, kompensieren jedoch nicht die völlige Abwesenheit von Humor. Ironische Auflockerung wäre in den zwei Stunden und zehn Minuten ohne Pause eine willkommene geistige Entspannung gewesen.

Nichtsdestoweniger sind Roman und Theateradaption eine Lese- und Besuchsempfehlung der besonderen Art. Denn insbesondere die zeitgenössische Belletristik und das Theater sind Ausdruck gesellschaftlicher Diskurse, die in Berlin ihren Ursprung nehmen. Stück für Stück mäandern sie in die Provinz, wo sie verhandelt und im gesellschaftlichen Ergebnisse das Erbauliche bestenfalls vom geistigen Dünnschiss filtriert wird. Pluralität kann bisweilen so schmerzhaft sein wie ein Theaterabend – oder Muskelkater. Doch lässt der Schmerz nach, hat man direkt Lust auf die nächste Runde (Theater-)Sport.

  • Gelesen im Januar 2018
  • Geschenk meiner ehemaligen Chefin zur Weihnachtsfeier.
  • Gesehen am 21. Oktober 2018
  • Hier die Stimme der Nachtkritik.

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