‚Der perfekte Kuss‘ von André Kubiczek

Noch immer die gleiche Strenge und Disziplin wie zu der Zeit, in der Hermann Kants ‚Die Aula‘ spielte. Und natürlich die Gewissheit, großes Glück zu haben und unter den Besten zu sein. Entsandt zu werden zum Kaderstudium in die SU. Für René bedeutet das fünf Jahre Studium der Organisation der materiell-technischen Basis in Moskau – 35 Jahre Planstelle in der staatlichen Plankommission. Was für ein Glück, denkt René, der mit Robert und Günter ganz andere Dinge im Sinn hat. Es gibt so viel Schönes auf der Welt, also warum sich mit Marxismus-Leninismus befassen, wenn doch Musik und Biere zum Tanze laden. Wenn Rebecca wartet oder Anja aus der Kunstbuchhandlung?

Fragen und Ablenkungen, die viel wichtiger sind als FDJ-Sitzungen und das Kulturprogramm des Jahrgangs. Coming of Age im letzten Jahr vor dem Abschluss, dem unweigerlichen, bevor die Asche ruft und danach die kleine Freiheit im sozialistischen Leben. Silvester 1986 – im nächsten Jahr soll alles anders werden. Aber was und warum, wenn doch Musik und Mädchen und Literatur und Filme den Reigen bilden, der sich lohnt. Der Vater weit weg in Potsdam Am Stern bei seiner neuen Frau. Und René im damals so fernen Hallesaale im Abschlussjahrgang an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät.

René ist altbekannter Protagonist aus André Kubiczeks Romanen. Nach ‚Skizze eines Sommers‘ und ‚Straße der Jugend‘ bildet ‚Der perfekte Kuss‘ auf 395 Seiten den Abschluss einer Trilogie, die mit viel Witz, Sarkasmus über das System und all den schönen Erlebnissen gespickt ist, die man mit 17, 18 das allererste Mal erlebt. Geradezu bühnenreif verharrt Kubiczek nicht in Alltagserzählungen, die den dreiteiligen Roman vordergründig prägen. Den Hintergrund bilden die ausbleibende politische Öffnung, stille und lauter Rebellion und der Wunsch, sich innerer Migration möglichst lange entziehen zu können.

„[…] und die Verkäuferin in Tabakgeschäft nötigte jedem ihrer lang vertrösteten Stammkunden die maximale Menge an Rauchwaren auf, die ihr persönlicher Gerechtigkeits- und Verteilungsschlüssel erlaubte, zwei Schachteln pro Person und Tag. Ihr tägliches Strahlen und die vorerst stabile Versorgungslage bewies eines: Es lohnt sich, zukunftsfroh zu sein.“ (S. 247)

‚Der perfekte Kuss‘ ist ein Roman, der Spaß macht und zum Abschluss bringt, was 2016 begannt. Aus diesem Grund lohnt sich die Lektüre zweifelsohne. Und dennoch zwicken Bauchschmerzen, wenn man bedenkt, dass das Leben, was René als Selbstverständlichkeit in Anspruch nimmt, die absolute Ausnahme war. Abitur, Studium, der Vater Reisekader mit Parteibonbon. Wahrscheinlich soll Kubiczeks Trilogie einfach gut unterhalten und wer Coming of Age so liebt wie ich, wird viel Vergnügen am naiven Selbstbewusstsein der Figuren haben, wie man es nur kurz vor dem Abitur ohne Augenzwinkern der Umwelt entgegenbringt. Doch hätte ich nicht wissen wollen, ob René seine Fahrt mit der Linie 1 nach Frohe Zukunft zu Ende bringt – ich hätte abgebrochen. Vielleicht ein zu hartes Urteil über einen Roman, den man durchaus lesen kann, aber nicht muss.

  • Gelesen im Mai 2022
  • Vielen Dank für deine Empfehlung, liebe Alex, und unsere inspirierenden Gespräche auf Autofahrten durch die märkische Provinz.

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