‚Die Enkelin‘ von Bernhard Schlink

Es ist das Deutschlandtreffen der Jugend 1964 in Ost-Berlin, als Kaspar, Student in West-Berlin, Birgit auf dem Bebelplatz diskutieren und debattieren hört. Wieso sie überhaupt diskutieren, will er wissen, wo sie doch ohnehin genau wissen, auf welches Argument welches zu folgen habe. Zufällig treffen sie sich wieder. Auf dem Alexanderplatz, bei Musik und Köstlichkeiten aus der Gulaschkanone, hören sie hin und hören zu, lachen und verlieben sich. Bald steht der Entschluss, zusammenzuleben. In Ost? In West? Wenig später steigt Birgit aus dem Flugzeug in Tempelhof. Gleicher Himmel in der geteilten Stadt.

Und nun, wie soll, wie kann er weiterleben? Ein einfaches Weiter so kann es nicht geben, weiß Kaspar im Stillen, als die Polizei die Befragung beendet und Birgits Leiche abgeholt wird. Er würde nach ihrem Roman suchen, denkt Kaspar. An dem sie so viele Jahre geschrieben habe ohne ihm zu verraten, worüber. Nichts findet er. Keinen Roman, nur Gedankenfragmente aus Birgits Innerstem. Über ihr Leben und ihr Leben vor Kaspar. Über ihr Kind, das sie weggab direkt nach der Geburt.

Kaspar beschließt, sich auf den Weg zu machen und nach Birgits unbekanntem Leben zu suchen. Er lüftet Geheimnisse, bekommt Antworten auf Fragen und sieht sich einer unbekannten Familie gegenüber, die seinem Leben fremder nicht sein kann. Darüber schreibt Bernhard Schlink auf 367 Seiten.

‚Die Enkelin‘ besteht aus zwei unabhängig existierenden Handlungsebenen, die sich im Laufe des Romans untrennbar verbinden. Das gegenwärtige Leben des Protagonisten Kaspar verschmilzt vor dem Hintergrund seiner Recherche mit Birgits Vergangenheit, die er nicht kennt. Schließlich trifft Kaspar auf völkische Gruppen und die bis dato unbekannte Stieftochter und Enkelin. Seine sich selbst gestellte Aufgabe, Birgits nie begonnene Suche nach ihrer Tochter postum aufzunehmen, kontrastiert Kaspars Leben, seine Beziehung zu Birgit und gleichzeitig Schlinks Roman in Gänze hochaktuell.

Das große Thema sind Annäherung, gegenseitiges Verständnis, Zuhören und Achten. Emphatisch skizzierte Figuren stehen manchmal stumm, manchmal sprachgewaltig unvereinbaren Lebenswelten gegenüber, die der Autor ins Schwingen bringt. Wirken manche Szenarien gezwungen, sind das Hintergrundrauschen über Kinderheime und DDR-Werkhöfe sowie das vordergründige Toben der neurechten Szene große Stärken des Romans.

Eine weitere Stärke ist Schlinks Sprachvermögen mit Hingabe zu seinen Figuren. So entstand ein Roman, der verstört und Blickwinkel preisgibt. Der hinschaut, wo andere Blicke abwenden und Widerspruch leider vermissen lässt, wo er verlangt ist. Der Fragen gegenüber festen Standpunkten den Vorzug gibt. Der antwortet und an die Veränderbarkeit der Menschen glaubt. Mein Fazit: Wer sich auf die Reise in eine politisch aktuelle Terra incognita begeben möchte, findet mit diesem Roman einen guten Reiseführer.

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