Achtung, Theater! – ‚Mephisto‘ am Berliner Ensemble

Hamburg wird nie reichen für Hendrik Höfgen. Außer Frage steht das. Ein Mann mit Talent ist dieser Höfgen, was ebenfalls außer Frage steht. Vor allem für Hendrik Höfgen. Wie Schiffe im Hafen zieht es ihn hinaus, hinaus auf hohe See. Er will, er kann kein Provinzschauspieler sein in diesem Hamburg. Nach Berlin muss er. Komme, was wolle und kommen wird eine Menge in Deutschland 1933. Vorzuwerfen hat er sich nichts. Er ist engagiert in Wort und Tat, wenn sich seine Taten auch auf Worte beschränken. Er will und darauf kommt es an, wie das Arbeitertheater oder seine Beziehung zu Juliette. Hendrik Höfgen ist Schauspieler und Theater wird immer gespielt, ganz gleich, was in Deutschland geschieht.

Eine Menge geschieht in Deutschland 1933 und auf der Bühne des Preußischen Staatstheaters. Höfgen soll es leiten. Der Ministerpräsident will es! Höfgen windet sich, widerstehen kann er nicht. Er geht den Pakt ein mit einem Regime, das brüllt und tobt, das prügelt und totprügelt und millionenfach morden wird. Davon wird niemand etwas gewusst haben. Schon gar nicht Hendrik Höfgen, der doch bloß Schauspieler ist.

Schauspieler und ein Paradebeispiel für rückgratlosen Opportunismus ist er, dessen Vorbild Klaus Mann sehr gut kannte. Während Klaus und seine Schwester Erika Mann immigrierten, wurde Gustav Gründgens aka Hendrik Höfgen zum Affen der Macht. ‚Mephisto‘ als Schlüsselroman dieser Zeit ist aktuell und bleibt aktuell. Studierende der Schauspielschule Ernst Busch entwickeln aus Manns vielleicht bedeutendstem Roman ein Stück, das ebenso ambivalent daherkommt wie die literarische Vorlage selbst. In der Regie von Till Weinheimer erleben wir Dominik Hartz in der Rolle Höfgens, der er (noch) nicht gewachsen ist. Darüber hinaus ist die Arbeit am Berliner Ensemble überraschend nah an der Verfilmung von 1981. Vieles wirkt aufgewärmt. Wie eine Kopie, die gut geschnitten unterhält, jedoch nicht berührt und sich nichts angeeignet.

Andererseits ist ‚Mephisto‘ am Berliner Ensemble auch mehr als ein Stück des Abi-Jahrgangs. Die spürbare Lust am Spiel, performativ übertragen durch Sprache, Tempo und Musik, macht Freude und trägt gut über die 110 Minuten. Ebenso fiebrig hat Sibylle Gädeke Bühne und Kostüm ausgestaltet. Fliegende Wechsel zwischen Heiß und Kalt, Sommerfrische und Blutrot werden zum permanenten Zirkus. Trotz oder gerade wegen aller Ambivalenz ist mein Fazit unentschlossen. Eine jugendlich frische Arbeit in abgetragenem Gewand, von der ich nicht weiß, will sie ernst genommen oder Klamauk sein? Zu große Schuhe sind es für beide Lesarbeiten.

  • Gesehen am 1. Januar 2022
  • Diesmal ohne Stimme der Nachtkritik.

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