‚Muldental‘ von Daniela Krien

Im Norden die Elbe, im Süden Karl-Marx-Stadt, Chemnitz, das Erzgebirge. Im Osten der König – früher König Kurt, heute Michael I. In West, Nordwest schließlich das große Tor zur Welt. Von Leipzig aus betrachtet ist das Muldental ein schöner Ort. Ein schöner Ort zum Wandern, zum Radfahren, zum Grunderwerb. Touristisch ist die Region wenig erschlossen, weshalb sich Thomas besonders freut, endlich im alten Hof die Fremdenzimmer – Gästezimmer – fertiggestellt zu haben. Mutter Marie und Sohn Thomas mussten nach der ersten Flut 2002 zwei weitere überstehen: Den erlösenden Selbstmord des Vaters und das zweite Hochwasser nur wenige Jahre später. Wasser, Hochwasser hat reinigende Wirkung. Im alten Töpferhof direkt am Fluss wissen sie das, den Blick nach West, Nordwest gerichtet.

Mit leisen Tönen plätschert die Mulde der Elbe und der See entgegen. In derselben ruhigen Tonalität verfasst Daniela Krien ihren Erzählband ‚Muldental‘, der bereits 2014 veröffentlicht wurde und aktuell bei Diogenes erneut erschien. Ein großes Glück, wie ich finde. Denn ‚Muldental‘ hebt sich ab im großen Reigen der Ost-West-Literatur der vergangenen Jahre. Daniela Krien rückt Menschen ins Zentrum ihrer Erzählungen, deren Horizont vormals selten bis zur Elbe reichte, selten bis Karl-Marx-Stadt. Nun müssen sie in die Welt hinaus, gehen ihren Weg, treffen Entscheidungen. Einfache Leute in Dörfern, kleinen Städten zwischen Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Die alleinerziehende Mutter mit großen Sorgen um die widerwilligen Töchter. Der Handwerker, dessen Frau sein Geld verprasst und darüber vergaß, dass morgen der Gerichtsvollzieher den letzten Schmuck mitnehmen wird. Die Frau des Künstlers, die von der Stasi bedängt, genötigt wurde. Ein Bruder, der seine Schwester nach 29 Jahren zum ersten Mal in die Arme schließt und feststellt, dass Träume nur schön sind, solange sie Träume sind.

‚Muldental‘ sind 230 eindringliche Seiten. Bedeutungsschwere Erzählungen mit Charakter und ähnlichem Gewicht wie Christoph Ransmayrs ‚Arznei gegen die Sterblichkeit‚. Ohne Trompeten, ohne vordergründiges Crescendo hat Krien in elf Geschichten die Leben von rund 20 Menschen skizziert. Ihr Crescendo ist dabei das Faktische. Eine Sprache, die Realität zu werden scheint, empirische Literatur. Gelebte Leben, die beispielhaft für so manche stehen in der Region und den gesamten neuen, gar nicht mehr so neuen Bundesländern. Ihr Vermögen, spielerisch den Ton zu treffen und stringent zu erzählen, ist erfrischend.

‚Muldental‘ ist ein Buch, dass Sie schnell lesen werden. Rasch werden die Seiten verfliegen, wie die Blätter im Herbst zu Boden. Im Vorwort schreibt die Autorin: „Meine Helden sind keine Gewinner. Dennoch finden einige von ihnen ihr Glück. Aber auch jene, deren Schicksal ihre Kräfte übersteigt, haben eine Stimme im großen Menschheitslied. Und auch Sie verdienen einen Platz in der Literatur“ (S. 10). Diesen Worten ist nichts hinzuzufügen. Mein Fazit also: Besseres habe ich lange nicht mehr gelesen.

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