‚Arbeit‘ von Thorsten Nagelschmidt

Leuchten, überall Leuchten. Über der Skalitzer, der Reichenberger, dem Kottbusser Damm. Ja, wird mit K geschrieben, Spackos. Was glotzt du so? Ist geschlossen! Kannste nicht lesen. Die Bull’n ham grad ihre Runde gedreht und jetzt verzieh dich. Zieh Leine! Auch ne Line? Bestes Hollywood in Kreuzberg 36. Wieder Leuchten, überall Leuchten und Lichter, gelbe und rote und bunte. Blaulichter. Oben die Hochbahn, unten die Ratten am Kanal. Partypeople bringen sich in Stellen. Präparieren ihr Equipment und sich. Ziehen los, um das große Los zu ziehen. Pläne, Pläne, jedenfalls für heute Nacht.

Lichter, überall Lichter, „ein großes Berlin-Kaleidoskop, dessen Lichter und Schatten noch lange leuchten“, kommentiert Elke Schlinsog auf Deutschlandfunk Kultur. Können Schatten leuchten? Wenn wir Bederitzky fragen, kann Arbeit leuchten. Wie früher seine im VEB Narva in Oberschöneweide. Thorsten Nagelschmidts ‚Arbeit‘ kann es nicht. Und warum nicht? Weil das Licht fehlt. Nicht das Licht und die Lichter der Stadt, sondern das innere, das geistige, die Idee hinter den Episoden auf 334 Seiten. Zwei Teile, 21 Kapitel. Menschen begegnen sich flüchtig im Geschrei der Nacht, die in Jobs arbeiten, die hart sind. Jeder Job auf seine Art hart und hart an der Grenze. Das Sanitäterduo, die Polizeistreife in Zivil, die blaublütige Spätifrau und unser Taxifahrer Bederitzky aus Berlin Nordost. Dealer, Türsteher, Gestörte: Müde Menschen am Rande, gestresst, völlig drüber und vielleicht auch drüber hinaus. Protestantische Sozialethik 2.0.

Thorsten Nagelschmidt unternimmt einen hübschen Versuch, der misslingt. Er misslingt deshalb, weil Originale immer besser sind. In ‚Arbeit‘ sind ein Dutzend Leben zusammengeschustert, nicht skizziert, sondern hingerotzt. Grau, konturlos, zerfressen. Wie Busfahrpläne wirken ihr Begegnungen zufällig, was überrascht und gleichzeitig den großen Bogen zwischen den Romanfragment schlägt. Immerhin. Auch gelingt dem Autor mit Sprachen zu jonglieren. Die Protagonisten stilistisch dort abzuholen, wo sie vermeintlich zu Hause seien. Doch was fehlt? Es fehlen Herz und Herzblut der Stadt. Es fehlen die schönen Dinge, das Leuchten der Nacht und das Versprechen, dass es gelingt, hier glücklich zu sein, auch in Kreuzberg 36.

Nagelschmidt hat unterkomplexe ZEIT-Kolumnen aneinandergereiht und gehofft, irgendwas Spannendes, irgendwas Großes, Lesenswertes zu schreiben. Am Ende ist ‚Arbeit‘ staubige Maloche ohne Witz, ohne Esprit, ohne die Liebe der Menschen, überhaupt ohne Liebe. Berlin muss man nicht lieben – so what –, aber Klischees aus ollen Mottenkisten im Bad-Boy-Streetartstil auf recyceltes Papier zu pappen, ist fade. Hätte meine Buchhändlerin nicht von ihrer Lieblingsprotagonistin geschwärmt, folgendes Resümee aus Nagelschmidts Feder wäre mir jäh entgangen:

„Bederitzky zieht an den Kollegen vorbei und umkreist den Hildegard-Knef-Platz. Dass eine große Diva wie die Knef ihren Namen für einen derart trostlosen Ort mitten im Niemandsland hergeben muss, denkt er, auch schon wieder ein Skandal, rote Rosen regnet’s hier wohl eher selten“ (S. 148). Mein Fazit also: ‚Arbeit‘ ist kein Buch, „wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“. Im Übrigen auch nicht für Frühling und Sommer.

  • Gelesen im Oktober 2020
  • Ein Zufallsfund in der Buchkantine, Dortmunder Straße 1 in Moabit.

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