‚Stern 111‘ von Lutz Seiler

„Weit vor der Einfahrt stoppte Carls Zug, begleitet von einem stählernen Stottern und Zucken, als hätte das Herz seiner Fahrt kurz vor dem Ziel plötzlich aufgehört zu schlagen […] Aus irgendeinem Grund geschah es nicht selten, dass die Züge hier draußen, die Ankunft vor Augen, stehen blieben, für Minuten oder Stunden, es war wie eine Plage, ein altbekanntes Lied“ (S. 9). Sätze, wie diese, eröffnen nicht selten großartige Geschichten, Romane, Erzählungen, Dramen. Oder Carl? Carl Bischoff, per Telegramm nach Gera-Langenberg zitiert auf Bitte seiner Eltern. Carl-das-Kind folgt der Bitte. Denn seine Eltern, Inge und Walter Bischoff, haben Großes zu berichten.

Ab Gießen getrennt lautet die Parole im Spätherbst ´89. Nicht das Kind zieht hinaus in die Welt, sondern die Eltern. Ihre Lebensgabe: Die Schätze in Gera-Langenberg. Die Wohnung, die Garage, tausendundeine Erinnerung und des Vaters Schiguli. Walter und Inge brechen überstürzt auf in die neue Welt. Carl als Nachhut beschließt im Hinterland, den Schiguli zu satteln. Den Posten zu verlassen. Das alte Leben, aber nicht das alte Land.

Ende November lässt der Winter die Temperaturen sinken. Schnee tanzt um den Schiguli in der Linienstraße und Carl hat Anschluss gefunden. Anschluss an Menschen, die nichts Festes suchen oder haben, aber schaffen wollen. Der gute Hirte und die Fürstin der Oranienburger, der gute Maler, So-nie, Hans, viele andere und irgendwann Effi. Auch Effi aus Gera-Langenberg. Nachbarin der Kindheit, Jugendliebe und Liebe in Zeiten des Sturms. Denn „eine Wohnung in Besitz zu nehmen war als Aufgabe ernst, aber lösbar, und eine Tür aufzubrechen die richtige Antwort – worauf? Auf die Situation und ihre Erfordernisse“ (S. 229).

Carl Bischoffs Reise beginnt im Schienenmeer. Im Gleisvorfeld den Blick gerichtet auf diesen verrußten, stolzen Bahnhof. Als die Reichsbahn (Ost) all die D-Züge und Eilzüge mit 200 Prozent Auslastung nach Berlin donnern ließ. Berlin (West) und weiter über Gutenfürst, Gerstungen, Helmstedt, Büchen in das große, weite Meer aus Versprechen und Zukunft. Lutz Seiler erzählt in ‚Stern 111‘ von dieser Zeit vor 30 Jahren. Als das Alte sich auflöste, nicht mehr existierte und das Neue in Sonntagsreden blühende Landschaften versprach. Der gute Hirte hingegen – Hoffi, Herr Hoffmann also – ist Kapitän der Kapitäne, Admiral der alten, neuen Zeit. Visionär und Mann der Tat. Er sammelt Menschen und Material, um das Alte, dem Untergang geweiht, in neue Gewässer zu manövrieren. Seine Besatzung: Das gute Rudel, eine Gruppe linker Hausbesetzer in Berlin (Ost). Ihr Ozean: Der Prenzlauer Berg. Außenposten Scheunenviertel mit U-Boot-Hafen Krausnickpark. Und Carl Bischoff, der gute Maurer, baut gute Mauern für stolze Kapitäne der bewohnten Häuser.

‚Stern 111‘ ist ein Roman, der verzaubert und entführt. Entführt auf einen Segeltörn westwärts, ostwärts und zurück. ‚Stern 111‘ funkt Erinnerungen aus eigener Kindheit und Jugend. Empfängt Signale der Eltern auf ihrer Reise, ihrer Auswanderung. Ab Gießen trennt. Lutz Seiler hat mit ‚Stern 111‘ 521 Seiten beschrieben, die Seelenlagen offenlegen, Wünsche und Erwartung und Hoffnung der Alten und Jungen. Faszinierend und gelungen gleichermaßen sind die gespiegelten Wege Carls und seiner Eltern. Während Carl in Ostberlin Grundsteine legt – nicht nur als Maurer – für das Berlin der nächsten 20 Jahre, bauen Inge und Walter ihr neues Leben mit harter Währung. Genau das beschreibt Inge Bischoff in ambivalenten, zweifelnden und geradezu berührenden Briefen in ihrer Sprache des Ostens. Im Genitiv, sukzessive und operativ. Es ist die Erinnerung an die Kindheit an der Weißen Elster.

So scheußlich ‚Kruso‘ erzählt und verschwurbelt geschrieben, so ist „Stern 111‘ der Roman der Stunde. 30 Jahre Blick zurück – ´89/´90 Revue passieren lassen, sukzessive und keineswegs mehr operativ. Wie einst Karl Siebrecht ist Carl Bischoff nicht Kapitän, sondern Steuermann auf großer Fahrt. Der Schiguli-Mann. Immerhin! Meine Statement zum Buche: Bitte mehr von dieser fleißig recherchierten, gut sortierten und ausgezeichnet geschriebenen Literatur. Vielschichtig, empathisch, geschichtsbewusst, wichtig.

  • Gelesen im April 2020
  • Aufmerksam geworden in einer Vorankündigung von Suhrkamp im vergangenen Herbst.
  • Ganz herzlichen Glückwunsch an den Gewinner des Buchpreises der Leipziger Buchmesse 2020!

2 Antworten auf „‚Stern 111‘ von Lutz Seiler

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