‚Ein Mann will nach oben‘ von Hans Fallada

Etwas Bange steigt Karl Siebrecht in den Bummelzug, ohne zu wissen, in welche Zukunft seine Reise führt. Nach Berlin hoffentlich und dafür hat Karl alles Nötige getan. Als Waisenkind hält ihn nichts in der damals wirklich öden Uckermark. Nach Berlin! ruft das Eisenbahnplakat und so soll es sein. Was Karl nicht wusste, ja, er wusste nichts von der gemeinsamen Fahrt mit Rieke Busch. Rieke, seine Bahnbekanntschaft sozusagen, hatte irgendetwas auf dem Land zu tun. Kartoffeln kaufen, vielleicht auch klauen. Und was Karl ebenfalls nicht wusste: Rieke wird sein Bezugspunkt, seine Familie, sein guter Engel.

Als der Zug in den Stettiner Bahnhof einläuft, ist Karl – was sonst – Grünschnabel. Ach du grüne Neune! Mit Riekes Mundwerk hatte er bereits Bekanntschaft gemacht. Immerhin! Und mit penetranten, preußischen Beamten, aber Rieke war zur Stelle. Ansonsten ist Berlin seine Terra incognita – das unbekannte Land, die Stadt der Hoffnung und Mythen. Die Stadt der Glückritter und Betrüger, Elektropolis und dunklen Hinterhöfe. Die Stadt als Hypothek auf die Zukunft: Komm zu mir und lebe deinen Traum!

‚Ein Mann will nach oben‘ ist der Berlin-Roman schlechthin. Bereits 1941 geschrieben und 1953 veröffentlicht, hat Hans Fallada auf seinen 763 Seiten im Paperback all das zusammengetragen, verdichtet, illustriert und mit Herzblut gefüllt, was Berlin immer schon war und heute noch ist – die Glücksstadt an der Spree. Sein Protagonist steht stellvertretend für all die Abermillionen von Ost und West und Süd und Nord, die recht schnell die Berliner Schnauzte lernten und mit dickem Bärenfell ihr Großstadtleben bestritten.

Karls Geschichte ist zugleich symbolhaft für Berlin an sich. Zunächst untergekommen im Weddinger Hinterhof, ganz nahe den Eheleuten Hampel, erlebt Karl, wie neue Viertel entstehen. Das Moloch wächst! Karl arbeitet beim Erichten des Prenzlauer Bergs. Er baut das Haus, in dem ich gerade diese Zeilen schreibe. Er lernt Trockenmieter kennen und Habenichtse, wohlhabende Herren und deren Töchter. Er wird Zeuge, als man plötzlich unterirdisch die Stadt durchkreuzt und darüber neue Schlote qualmen – vom Moabiter Feuerland bis Tegel, bis Schöneweide. Karl wird Geschäftsmann und mit Berlin größer und größer. Er lebt im Takt der Eilzüge am Stettiner, am Anhalter Bahnhof. Wächst hinein ins bürgerliche Milieu der westlichen Bezirke, als Berlin zu Groß-Berlin wird – vor genau 100 Jahren. Karl Siebrecht ist Glücksritter mit dem Herzen am richtigen Fleck. Einem großen Herzen, wie es auch Rieke, ihr Vater, Kalli oder Bodo von Senden haben. Das große Herz der großen Stadt Berlin. Ein Roman, besser als jeder Reiseführer. Besser als jedes Geschichtsbuch! Mein Lieblingsroman und Leseempfehlung nicht nur bei Kaiserwetter. Denn bevor jeder für sich alleine stirbt, mögen seine Wünsche auf dem Weg nach oben in Erfüllung gehen.

  • Gelesen im Juni 2012
  • Ein wunderbares Geburtstagsgeschenk meines damaligen Mitbewohners Timo. Ganz herzlichen Dank auch an dieser Stelle!

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