‚Nur zu Besuch‘ von Christopher Isherwood

Auf dem Trampdampfer über die Nordsee, auf der Eisenbahn nach Berlin, später nach Athen, Paris, in entlegene Orte an der Front in China, zurück nach London. Umwege über Umwege und nur zu Besuch. Christopher ist noch keine 20 Jahre alt, als ihn Mr. Lancaster forsch herausfordert. Er lädt ihn nach Deutschland ein. Christophers erste Reise nach Deutschland. Der Junge aus gutem Hause glaubt an einen Scherz. Eine Woche deutsche Küstenstadt, eine Woche das Lauschen der lockenden Rufe Berlins. Christopher hat das Fernweh gepackt. England kann nur die erste Station sein und keinesfalls die letzte.

Und seine erste Reise führt den jungen Schriftsteller – natürlich – nach Berlin. Funkeln, Glitzer, Tempo, Männer, Eskapaden. Bis die Langeweile und der Terror alles zunichtemachen. Die alte, neue Bekanntschaft Waldemar hat seinen Helden Christopher eingepackt sozusagen. Zapp­za­rapp ohne viel Geld, ohne wirklich zu wissen, was die Zukunft bringt. Nach Athen für die Sommerreise, deren Dauer unbekannt ist. Bekannt ist hingegen, dass die Nazis beginnen mit Terror das Licht auszuknipsen. Klack, klack, klack macht es in Berlin und das letzte was Christopher von Deutschland für lange Zeit sehen wird, ist der Blick aus dem Zugfenster Richtung Prag.

Gute Reise, Matrose, Weltenbummler, Ruheloser, Heimatloser, Suchender auf langer Fahrt. ‚Nur zu Besuch‘ ist Christopher Isherwoods autobiografische Replik auf die schönen Jahre der goldenen Jugend. Als sich Erfolge einstellen, privat, beruflich. Man begehrenswert ist, attraktiv. Die Jugend, die uns jung hält. Es sind Männer, die Isherwood antreiben, inspirieren und forttreiben hin zum nächsten Ort. Jungs, die schillern, betören, verstören und zerstören was sie haben. Die nur selten ertragen können, dass sie im Spiel der Anderen, das schlechtere Blatt besitzen.

„Die meisten Orte sind einfach völlig unmöglich, wegen der Leute. Sie sind so voller Hass. Sie wollen, dass alle sich ihrer eigenen garstigen, bornierten Sicht auf die Dinge anpassen. Und wenn das zufällig jemand nicht tut, dann wird er behandelt, als wäre er unausstehlich. Und dann bleibt einem nichts anderes übrig, als sofort abzureisen…“ (S. 153)

Mit diesen Worten zitiert Isherwood seinen Gastgeber Ambrose, als sie auf einer griechischen Insel 1932 schwertrunken weitere Alkoholika über das Leben gießen. Genau diese Melange ist ‚Nur zu Besuch‘ auf 447 Seiten. Es sind die Freunde, die Isherwoods Leitplanken sind. Ob am Vorabend des zweiten Weltkriegs voller Angst in London oder im mondänen Cabrio unter Kaliforniens Spätsommersonne. In breiten, teilweise zu ausufernden Alltagsberichten lässt Isherwood seine Leserschaft teilhaben am Zuschauertum. Zeitzeuge am Rande des Abgrunds voller Zögern, Liberalität, Zynismus und nie zu wenig Einsamkeit.

‚Nur zu Besuch‘ ist der Roman, der das Band knüpft zwischen Isherwoods Leben und seinem literarischen Werk, dass 1961 in den USA erschien und nun erstmals in deutscher Übersetzung von Michael Kellner und Volker Oldenburg vorliegt. ‚Nur zu Besuch‘ ist ein Roman, der überrascht und gleichzeitig langweilt vom Selbstmitleid der jungen Bohème. Ein Roman, der vom Leben des Protagonisten und Autors erzählt, der voller Güte im Herzen rastlos auf dem rasenden Schlitten des Lebens sitzt und die Rodelbahn immer weiterfährt, um nicht aus der Kurve zu fliegen.

  • Gelesen im Februar 2022
  • Eine schöne Empfehlung aus dem Newsletter von Prinz Eisenherz, Motzstraße 23 in Schöneberg

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