‚Die Unverhofften‘ von Christoph Nußbaumeder

Das Waldgebiet um Bayrisch Eisenstein ist das Refugium, die Domäne der Hufnagels. Die Hufnagels sind Großgrundbesitzer, Glasbarone und unumstößlich verbunden mit der Geschichte dieses Landstrichs. Bereits vor 150 Jahren betrieben sie Glasbläsermanufakturen und verschifften das wertvolle Waldglas in aller Herren Länder. Und obwohl Eisenstein im Bayrischen Wald eine unwirtliche, abgeschiedene Gegend ist, sind die Hufnagels auf Fortschritt aus, auf behutsame Neuerung, sodass alles beim Alten bleibe.

50 Jahre später. Die Glasfabrikation existiert längst nicht mehr und der Krieg ist verloren. Endlich aus und vorbei denken die einen. Die anderen kümmern sich um ihre Schuld und vermeintliche Unschuld. Josef Hufnagel macht zwar nicht tabula rasa, aber weiß wohin die Reise geht. Auch die US-Army erkennt seine Qualitäten als Holzfabrikant, Unternehmer und Macher und macht Hufnagel zum Landrat. Er schnuppert Morgenluft und sucht die Herausforderung. Schnell ist der Name Hufnagel in München einer mit Klang. In der CSU als ein Mann der ersten Stunde strebt Josef nach oben, was gelingt. Privat vertraut der Alte auf Beständigkeit. Die Beständigkeit seiner Lügen und die Lügen aus wirren Zeiten. Seine Firma, das Sägewerk, vertraut er Georg an, seinem Ziehsohn und Hoffnungsträger. Und er trägt Hoffnung, frohe Hoffnung in eine Zukunft, die hell strahlt und dennoch von dunklen Wolken aus dem Waldgebiet verhangen ist. Frei nach Camus: Es gibt keine Liebe zum Leben ohne Verzweiflung am Leben.

‚Die Unverhofften‘ ist der große amerikanische Traum auf Bayrisch. Auf 668 Seiten erzählt Christoph Nußbaumeder die Geschichte einer Familiendynastie weit über die Dauer von 100 Jahre. In seinem intergenerationalen Debütroman webt Nußbaumeder ein verschlungenes Netz aus Zufallsbegegnungen. Menschen als Schachfiguren, deren Wege sich kreuzen, parallel verlaufen, verzweigen, verlieren und manchmal wiederfinden. Insbesondere Josefs Ziehsohn Georg erinnert stark an den Mann, der nach oben will, an Karl Siebrecht in Hans Falladas Berlin-Klassiker.

‚Die Unverhofften‘ ist dabei weit mehr als Folklore und Geschichtsklitterei. Der in sieben Bücher gegliederte Roman brilliert sprachlich gleichermaßen wie durch gute Recherche, Witz und Empathie. Nußbaumeder hat die Leben vieler ausformuliert, wie sie spielen, weinen, streiten, lieben und hassen, und Menschen eine Stimme gegeben, die selten eine hatten.

Mein Fazit: Dieser Roman ist ein Roman aus hartem Holz mit weichem Kern. Ein Roman, der Zeitgeschichte erzählt und persönliche Schicksale nicht stilisiert, sondern annimmt. Der vom Aufstieg berichtet, den Abstieg nicht meidet und die Bürden, die mit Familie, Tradition und Pflicht oft als Kehrseite der Medaille verbunden sind. Ein Roman, der anrührt. Ein Tipp, der hoffentlich kein Geheimtipp bleiben wird.

  • Gelesen im Dezember 2021
  • Mein herzlicher Dank gilt dem Team der Buchkantine, Dortmunder Straße 1 in Moabit für die wundervolle Empfehlung.

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