‚Shuggie Bain‘ von Douglas Stuart

Von ganz oben, vom 16. Stock aus blickt Shuggie hinunter auf die Lichter der Stadt. Sighthill lässt ihn nicht so. Seine Wege, viele Lebenswege kreuzen sich zwischen den Hochhaustürmen, den neuen Arbeiterghettos am Stadtrand Glasgows. Die ersten Lebensjahre verbringt Shuggie zusammen mit Grandpa und Grandma, mit seiner Mutter Agnes und den beiden Geschwistern hier unten. Geografisch unten und soziografisch. Immerhin war die Aussicht schön und Agnes hatte, bei aller Liebe zur Geselligkeit, noch Wünsche und Haltung und Hoffnung und Liebe für ihre Kinder und sich. Wäre nicht die Eifersucht, die Langeweile, die taumelnde Stadt und der Drang, alles in lauwarmem Dosenbier zu ertränken. Einzig Big Shug versucht Kurs zu halten in seinem schwarzen Hackney. Mit dem Taxi durch die Schichten der Nacht.

„Shug trat aufs Gaspedal. Die Stadt verändert sich; er sah es in den Gesichtern. Glasgow verlor langsam den Kurs, er sah es glasklar durch seine Scheibe. Er merkte es auch an den Einnahmen. Er hörte, wie die Leute sagten, dass Thatcher keine ehrlichen Arbeiter mehr wollte, die Zukunft war Technologie, Atomkraft und privates Gesundheitsvorsorge“ (S. 57).

Worum gehts? Um Großbritannien und die letzte große Revolution. Um die Menschen in einer Zeit, als Bewährtes verschwand wie die Werften am River Clyde. Douglas Stuart stellt eine Familie in den Mittelpunkt, die nah am Abgrund mit sich kämpft, stets abzurutschen droht und langsam versinkt im Schlick aus Armut, Zigarettenrauch und billigem Fusel. Diesen äußeren Rahmen verwebt Stuart eng in fünf Kapiteln mit dem inneren, der Dualität zwischen Agnes und ihrer Sucht einerseits. Andererseits mit Shuggies Wunsch und Anspruch, die Mutter zu retten vor sich selbst, schmierigen Männern und dem Kreislauf aus Selbstmitleid, Wut und der Einsicht in die eigene Hilflosigkeit.

Formal folgt der Autor dem klassischen Drama, das sprachlich mancherorts extrem obszön daherkommt und ebenso Liebevolles ausdrückt. Darüber hinaus bilden die 492 Seiten Statement und Denkmal seiner eigenen Biografie. Mit offenem Herzen und wachem Blick nimmt Stuart seine Leser:innen mit nach South Side, Pithead und ins East End, wo der kleine Shuggie heranwächst und merkt, er ist anders. Anders als sein Bruder, anders als seine Mitschüler, die in hänseln, die ihn quälen.

Somit ist ‚Shuggie Bain‘ ein Gesellschaftsroman mit queerer Hintergrundhandlung, der stark an ‚Ein bisschen Leben‘ erinnert. Ein Roman, der fesselt und berührt. Der verdreckten Kindern und betrunkenen Frauen eine Stimme gibt. Der unglaublich schmerzt und der gerade aus diesem Grund ein wichtiger und unbedingt lesenswerter Roman ist.

  • Gelesen im September 2021
  • Ein schöner Zufallsfund aus der Buchkantine, Dortmunder Straße 1 in Moabit.

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