‚Dreckskerl‘ von Wojciech Kuczok

Grau sind der Himmel, die Landschaft, die Stadt und die Gefühle der Menschen. Der alte K. erlebte noch Farben in seiner Kindheit, die begann, als der unerwartete Krieg, der Krieg, der begann, als das Haus der Familie, erbaut vom Vater des alten K., noch abseits stand von der Stadt. Der Sohn des alten K. hat das Grau mit der Muttermilch bekommen, das sich ausbereitet, aus dem Boden aufsteigt aus allen Schächten, die Bergmänner gruben. In einer kleinen Industriestadt, die vom schlesischen Bergbau lebt, lebt der Sohn des alten K. im Haus des Vaters des Vaters. Und was der Vater des alten K. nie tat, scheint dem alten K. viel mehr zu sein als notwendige pädagogische Praxis.

Der Sohn des alten K. liebt seine Eltern, auch wenn er fliehen will, ausbrechen, weg will vom alten Haus, das längst nicht mehr abseits der Stadt zwischen den Feldern steht. So wie der alte K. seinen Hund zu Ordnung ruft, soll der Junge seine Strafe spüren – doch wofür? Für seine Art, zu sein, seine Angst, seine desolate Gesundheit, seine Sehnsucht, seine Kindheit? Die Kindheit und das Leben als Pein im rohen, weiten, alles verschlingenden Grau.

„Das ist alles richtig, mein Sohn, zwischen uns herrscht Frieden, ich bin dein Vater, ich führe gegen dich keinen Krieg, ich erziehe dich einfach, komm mal her, wo rennst du denn weg, du Dreckskerl, warts ab, ooooh, und was machst du jetzt, was machst du jetzt? Weißt du wofür?“ (S. 126)

Oh, ja, es gibt keinen Grund, kein Wofür, außer dem Selbsthass des alten K. Selbsthass und Hass ist die Medizin gegen das Grau auf 174 Seiten. ‚Dreckskerl‘ von Wojciech Kuczok ist die preisgekrönte Antibiografie im haltlosen Schreien, Krallen, Spucken, Schlagen. Eine kleinbürgerliche Milieustudie, dessen Resonanzraum die retrospektiven Berichte des Protagonisten und Ich-Erzählers füllen. Der Sohn des alten K. als Symbolfigur des im besten Sinne Suchenden. Des Außenseiters, der um sein Schicksal weiß und der dem allgegenwärtigen Terror aus Sprache, Ausgrenzung und körperlicher Gewalt wenig entgegenzusetzen hat.

‚Dreckskerl‘ in der Übersetzung von Gabriel Leupold und Dorota Stroińska bildet sprachlich einen außerordentlich gelungenen Gegenentwurf zum inhaltlichen Sujet, formal gegliedert in ein Damals, Dann und Danach. Kuczoks 2003 in Polen erschienene Antibiografie erinnert einerseits an ‚Shuggie Bain‘ von Douglas Stuart und andererseits rhythmisch und tonal an ‚Der traurige Gast‘ von Matthias Nawrat, dessen Grau den Anschlag vom Breitscheidplatz verhandelt.

Insgesamt ist ‚Dreckskerl‘ ein raues Buch. Roh im Inhalt und sprachlich sowohl fein als auch brutal. Es ist ein Buch, das Gewalt in vielen Facetten präsentiert und Erdulden als Ausweg präsentiert. Wer sich für dieses Buch entscheidet, wird sich fragen, warum, und nach ratlosem In-sich-hinein-Spüren ein Gefühl und einen Zugang entwickeln für dieses Buch. Ob mit Kopfschütteln oder im stillen Verstehen freue ich mich ganz besonders auf eine spannende Diskussion und ermutige zu Kommentaren.

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