‚Die Unschärfe der Welt‘ von Iris Wolff

Gleißendes Licht steht über den weiten Feldern, einem Meer aus Millionen Halmen und Stauden. Der Mais wächst gut in diesem Jahr, so berichten die Bauern und ihre Felder werden reiche Erträge abwerfen. Hannes hingegen hat die Mütze, eine alte Kappe mit zerschlissener Krempe, tief ins Gesicht gezogen. Die letzten Nächte waren lang und der Schlaf viel zu kurz. Ganz und gar arglos öffnete er die Tür, als die Männer von Gegenüber den Pfarrer begrüßten und aufforderten, sie zu begleiten. Fragen hätten sie, weshalb so viele Gäste zu ihnen kämen. Die alte Pfarrei hätte in den letzten Jahren nie so viele Gäste gehabt und man wundere sich doch sehr, wieso ausgerechnet jetzt, in dieser Zeit so viele kämen aus dem deutschen Bruderstaat. Hannes fand sich also wieder in einem kalten, kargen Souterrain und zuwider waren ihm die Herren, zu mürrisch an diesem abweisenden Ort, wo doch die Sonne oben, über ihnen, draußen über den Feldern im Banat schien und brannte und die Kirchturmglocken läuten in gewohnt klingender Regelmäßigkeit.

Es sind alltägliche Szenen, denen Hannes und Florentine als Protagonisten Leben einhauchen. Iris Wolff hat sie in den Mittelpunkt ihres Romans gestellt, der auf berührend unaufgeregte Weise das Banat, eine historische Region Südosteuropas, zum Schauplatz hat. Die kulturellen Einflüsse tausender Leben und noch mehr Kulturen spiegeln sich in den 213 Seiten wider, deren Kontext man erst auf den dritten Blick erfasst. ‚Die Unschärfe der Welt‘ ist ein Roman, der mit allen Mittel der Sprache Horizonte eröffnete. Lebendige Poden und Antipoden sind Wolffs Figuren, die wahrhaft mit ihren Gedanken, Wünschen, Gefühlen, Sitten das dörfliche Kirchenschiff zur Andacht füllen.

Iris Wolff ist Künstlerin, eine Meisterin der Sprache, eine Zeichnerin, deren warme Farbwahl hinreißende Allegorien und liebevolle Traumbilder auf sinnlichen Flüssen treiben lässt. ‚Die Unschärfe der Welt‘ hat keine Eile, denn wer eilt, der fällt. So mag der Leitspruch der Menschen lauten, die Sie tief angerührt in Ihr Herz schließen werden. ‚Die Unschärfe der Welt‘ kommt ohne so vieles aus, verschwendet keinen unnötigen Raum, verzichtet auf Tempo und gekünstelte Raffinessen. Wie Christoph Ransmayrs ‚Arznei gegen die Sterblichkeit‘ brilliert ‚Die Unschärfe der Welt‘ durch die Liebe zum Leben mit freundlichem Blick durch die Augen der Schauspieler auf der kleinen großen Bühne. „Dass hier niemand eine einheimische Suppe zu kochen imstande ist. Was meinst du mit einheimisch? Schwäbisch, slowakisch, ungarisch, rumänisch, tschechisch, jüdisch oder vielleicht serbisch?, fragte Florentine“ (S. 113). Mein Fazit: Mit einem besseren Roman können Sie schlechterdings 2021 nicht beginnen.

  • Gelesen im Januar 2021
  • Herzlichen Dank für die Empfehlung aus der Buchkantine, Dortmunder Straße 1 in Moabit.

PS: „Wiederum: Hauptsache, die Leute kaufen Bücher. Bücher leihen war ihm ein Gräuel. Bücher musste man besitzen. Geliehene Bücher zu lesen war wie Sex mit angelassenen Klamotten. Es ging ohne Zweifel, brauchte auch zuweilen Spaß, aber es war kein Vergleich zur Möglichkeit, jede noch so entlegene Stelle der Haut küssen und berühren zu können. Nur in eigenen Büchern konnte man anstreichen, Seiten mit Eselsohren markieren, Gedanken am Rand notieren, Zettel einlegen, Kaffeetassen- und Weinglasränder hinterlassen. Bücher hatten schließlich nicht umsonst einen Körper“ (S. 155).

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