‚Als die Welt stehen blieb‘ von Maja Lunde

Es schneit in Berlin. Das Märchen der weißen Weihnacht. Es ist eine Berliner weiße Weihnacht. Zu spät und matschig, aber immerhin. Immerhin fand ich die Ruhe, noch im Bett beim ersten Sonntagskaffee endlich ein Buch zur Hand zu nehmen, das Wochen unbeachtet auf meinem Nachttisch lag. Endlich fand ich die Muße, gedanklich zum 13. März des vergangenen Jahres zurückzureisen. An diesen Freitag, den 13.

Als die Welt stehen blieb‘ ist der Blick zurück zu den Anfängen der Pandemie in Europa. Als sich die Eilmeldungen überschlugen, die deutschen Landesregierungen von der Journaille mit den vier großen Buchstaben fast panisch treiben ließen. Als Andreas und ich zum letzten Mal im Stammtisch saßen und spekulierten, was, wann, wo für wie lange geschlossen sein wird. Die Begriffe Homeschooling, Zoom und Inzidenz waren zu dieser Zeit noch nicht erfunden. Maja Lunde tat in diesen ersten Frühlingswochen das, was sie auch sonst tut. Sie schrieb und zwar über ihr Leben mit Mann, Kindern, Mutter, Vater, Großmutter und dem Leben in ihrer Großstadt Oslo, die so still wurde und verstummte und schließlich stehen blieb.

Mit diesem Buch lädt die Autorin ein zum Besuch. Sie nimmt uns mit in ihr Zuhause. Lässt uns teilhaben, als ihre Komfortzone schrumpfte und weiter schrumpft. „Ich habe immer eine so große Kontrolle über mein Leben gehabt. Bis ins kleinste Detail […] Ich hatte meine eigene Geschichte unter Kontrolle. Jetzt bestimmen andere“ (S. 80f.). Eine Aussage, die es auf den Punkt bringt. Uns allen ist die Kontrolle abhandengekommen. Gleichzeitig schreibt Lunde weiter: „Das Wort Dystopie hat den Geschmack von Dramatik, nicht von Homeoffice, Geschirrstapeln, Desinfektionsmitteln und Lagerkoller“ (S. 92). Für wahr und wie wahr. Lundes Gedanken, Gedanken zum Alltag, Gedanken im Standgalopp, nehmen den 223 Seiten eine große Last. Eine Bürde, die ‚Als die Welt stehen blieb‘ zu Unrecht trägt.

In diesem in der Tat sehr persönlichen Buch schreibt Maja Lunde über den Lockdown 1.0. Über ihre Herausforderungen, die Zumutungen, ihre individuellen Wohlstandsschicksale, die größer und größer werden und, wie für uns alle, real. Formal im Tagebuch-Stil geschrieben, als Episodenroman banaler Notizen, hat Lunde einerseits ein Zeitdokument verfasst, dass die ersten Wochen der Corona-Pandemie emotional dokumentieren. Andererseits fängt ihr ruhiger Ton, in einer schönen Übersetzung von Ursel Allenstein, ganz wunderbar den Wunsch ein nach Verständnis, dem Verlangen nach Planbarkeit und Normalität. Die Autorin verharrt dabei nicht im Rudimentären, sondern kontextualisiert. Sie berichtet von halbvollen Gläsern, die vor Enge drohen überzulaufen.

Ob ich ‚Als die Welt stehen blieb‘ uneingeschränkt empfehle? Wahrscheinlich nicht. Denn der Stoff ist zu nah, zu aktuell, fast erdrückend. Schafft man es, den nötigen Abstand zu gewinnen und besonnen, durch den Inhalt inspiriert, zu reflektieren, ist das Buch durchaus eine wohltuende Erfahrung. Wie weiße Weihnacht in Berlin, nur anders.

  • Gelesen im Januar 2021
  • Ich danke dem btb-Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

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