‚Das achte Leben (Für Brilka)‘ von Nino Haratischwili

Was? Ja, sag was! Sag etwas zum Leben des alten Schokoladenfabrikanten und seinem Leben in der Stadt, die einst das Nizza des Kaukasus werden sollte. Sag was zu Ketevan und Larissa, seiner ersten und seiner zweiten Frau, und ihren insgesamt vier Kindern: Lida, Meri, Stasia und Christine. Stasia, deren Drang und deren Wünsche sie hinausziehen wollten in die Welt, doch deren Wünsche Wünsche blieben. Christine, die so hübsch war und es wusste und genau wusste, was sie wollte und haben musste, um es zu kriegen. Um alles zu erreichen. Während Stasia, ja Stasia, viel zu schnell ihrem Liebsten hinterher reiste ans kalte Meer, nicht nach Paris. Ihrem Simon hinterher, aus deren Liebe Kostja und Kitty entstanden. Kostja, der so werden wollte, sein wollte, wie der abwesende Vater und ihm nacheiferte. Zum Militär ging, zur Marine, der Beste sein wollte und wurde. Im Gegensatz zu seinem Vater überstand Kostja den Krieg (besser) und wurde groß und größer neben dem kleinen großen Mann im aufstrebenden Reich der Toten. Im Reich der Roten nahm Kostja seine Rolle an als Vater und Patriarch, dessen große Liebe im Kessel von Leningrad erfror. Seine Frau Nana brachte schließlich Elene zur Welt und Elene später Daria und Niza. Und am Ende der Reihe steht Brilka, die zweite Stasia, Anastasia Jaschi, die den Fluch, den Fluch der heißen Schokolade brechen soll.

‚Das achte Leben (Für Brilka)‘ sind einhundert Leben in einhundert Jahren. Die letzten einhundert Jahre auf dem goldenen Balkon des Kaukasus. Einem Land, in dem viele Jahre Milch und Honig flossen und Chacha immer mit dabei. Nino Haratischwili hat auf 1279 Seiten einen Roman geschrieben, der Weltgeschichte mit Georgien im Zentrum verhandelt. Protagonist ist die Familie Jaschi. Einst eine angesehene Unternehmerfamilie mit besten Beziehungen nach hier und überall. Auch später waren die Jaschis angesehen. Und gefürchtet. Wegen Ramas, Christines Mann. Und natürlich wegen Kostja, der zum Militär ging, später zum MVD, ein mächtiger Mann in Moskau wurde und Zuhause ein nach Liebe suchender, herrischer Tyrann. Der seine Schwester Kitty hinter den Eisernen Vorhang verbannte. Der lieben wollte und nicht konnte. Und so hatten sie alle, die Jaschis jedenfalls, ein schönes, schönes Leben.

„Denn in Russland glaubte man an die Macht der Obrigkeit […] In Georgien aber heuchelte man diese Angst nur; hierzulande ging man prinzipiell davon aus, dass die Mächtigen verlogen und korrupt waren. Also überlegte man sich bereits im Vorfeld, wie man sie hintergehen, austricksen oder bestechen könnte. Man glaubte weder an ein System noch an irgendeine Ideologie, außer vielleicht die Ideologie des eigenen Hedonismus“ (S.688).

In Tiefe, Thema und Umfang erinnert ‚Das achte Leben (Für Brilka)‘ stark an ‚Die Wohlgesinnten‚. Einem Roman, der diabolisch gut, schonungslos ehrlich und abstoßend voyeuristisch ist. Nino Haratischwili hat die scheußlichsten Karten nicht gespielt – ein Gewinn, der Raum lässt. Denn Haratischwili hat das Glück zum Ziel! Mit großen Worten und großen Gesten und einer Sprache, die mitreißt, entführt sie Gespenster aus ihrem Totenreich und lässt sie tanzen auf Stasias, Kittys, Darias und Brilkas großer Bühne. Die Weltbühne verdichtet zu einem Küchentisch der Familie Jaschi.

Über den Roman wurde bereits viel geschrieben und vieles gesagt. ‚Das achte Leben (Für Brilka)‘ ist atemberaubend, inspirierend, gewaltig. Ob es der knapp 1300 Seiten tatsächlich bedarf, weiß ich nicht. Ob manches Drama die Jaschis auch noch ereilen musste im Tränenmeer der Zeit? Ich weiß es nicht. Vielleicht nicht. In der Tat hat sich Handlung wiederholt. Aber vielleicht, weil alles Leben redundant ist – retrospektiv betrachtet? Vielleicht müssen es das sein? Müssen sich die Leben wiederholen in ihren Rebellionen und ihren Rovolutionen gegen die Eltern, die Alten, die Normen, die Weißen, die Kapitalisten, die Roten, die Braunen? Gegen das „Das-war-schon-immer-so“. Im Dafür-sein und den Kampf für das Neue. Nino Haratischwili hat jedenfalls einen Jahrhundertroman geschrieben, dessen Sogkraft, dessen Faszination 627 Worte nicht annähernd gerecht werden können.

  • Gelesen im November 2020
  • Daniel, herzlichen Dank für deine Empfehlung und dein mehrfaches Insistieren, endlich diesen Roman zu lesen.

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