‚Das mangelnde Licht‘ von Nino Haratischwili

Vom Hier und Heute der Blick ins Gestern: Der Rahmen, das Glas, die Kontraste zwischen den Figuren. Schwarz, weiß, grau. Noch mehr grau. Dabei war Tbilissi ein überlaufendes Meer an Farben. Vier Mädchen, vier junge Frauen am Vorabend der Zeitenwende in Georgien und der ganzen Welt. Keto, Ira und Nene sind die Protagonistinnen der Retrospektive zu Ehren ihrer verstorbenen Freundin Dina, der viertem im Bunde. Und Dinas Aufnahmen – Biografisches und Alltägliches als Fragmente und Brennglas zeitgenössischer, osteuropäischer Geschichte – führen zurück ins Jahr 1987 fort folgende. Den Jahren, in denen alles begann. Im Hof, den Häusern der Altstadt, ihren verwunschenen Gassen, dem Spiel der Dinge zwischen alten und neuen Regeln, bevor sowjetische Panzer den Ausnahmezustand kontrollieren und schließlich vom Spielfeld verschwinden.

Schon als der Abschlussball naht und die vier so verschiedenen stolzen Prinzessinnen ihrer Zukunft entgegenblicken, werden die Risse sichtbar. Zwischen ihnen, in ihrer Stadt, in ihren Familien. In ihrem Land werden Gräben gezogen, Mauern eingerissen und neue errichtet. Romantische Hoffnungen von Liebe, Glück und allerlei Naivem konfrontiert auf hartem Straßenpflaster mit der Ordnung der Diebe im Gesetz und toxischer Männlichkeit. Verrat und Unfreiheit in einer Zeit, die das Gegenteil versprach.

30 Jahre später betrachten Ira, Nene und Keto als Ich-Erzählerin diese Welt, ihre Welt, ihre Leben zwischen Stauen und vernarbten Wundern, während das Kulturbürgertum spitzbübisch äugt. Sind sie es wirklich? Diese Frage ist implizite Leitfrage im Wechselspiel mit: Wie konnte das passieren? Dinas Mutter bringt es auf den Punkt.

„Wir versuchen, ein Stück vom Jetzt zu konservieren, mit dem ein Stück Vergangenheit verwachsen ist.“ (S. 227)

Dieses Zitat aus Nino Haratischwilis viertem Roman ist sein Anspruch, der die postsowjetischen 90er Jahre ins vermeintlich befriedete apportiert. Mit der Wahl ihres Handlungsorts schlägt die Autorin den Bogen zu ihrem berechtigt gefeiertem Roman ‚Das achte Leben (Für Brilka)‘, dessen Format ‚Das mangelnde Licht‘ leider nicht erreicht. Rhetorisch sind die 826 Seiten ein Geschenk, das kunstvolle Dioramen platziert und gleichermaßen brachial im Figurenwald gegeneinander wirft. Dabei geraten Form und Erzählung scheinbar zum Selbstzweck, was der Qualität in Gänze abträglich ist.

‚Das mangelnde Licht‘ ist ein Roman, der aufwühlt und entführt in die Jugend – vielleicht die eigene. Der bedrückt, der ermutigt, der stolz erzählt und Hoffnungen zerbrechen lässt. Er ist der Blick in eine bunte Welt, die schwarz-weiß konserviert, in der Ferne winkend steht und fragend feststellt: Du bist so schwer, so ziegelsteinschwer, warum so behäbig, wo ist Brilkas Leichtigkeit, du sonniger Balkon des Kaukasus?

  • Gelesen im März 2022
  • Trotz meiner Ambivalenz ein großes Dankeschön für die Empfehlung an die Buchkantine, Dortmunder Straße 1 in Moabit.

Eine Antwort auf „‚Das mangelnde Licht‘ von Nino Haratischwili

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s