‚Elbwärts‘ von Thilo Krause

Der blaue Himmel fließt. Die Sonne auch und zwar hoch oben über den Feldern und dem Wald. Einem Wald, der steil abfällt. Sich ins enge Tal ergießt. Hoch oben, dort, die Gipfel, die Festung, die Klippen, das Riff. Ein Riff, das einst Riff war. Einst Meeresboden, früher. Ein richtiges Riff also, bevor es aufstieg und nun ausgewaschen aufragt hoch oben über dem Tal. Dem engen Tal und der Stadt-die-keine-ist. Der Ich-Erzähler, seine Partnerin und die gemeinsame Tochter machen sich auf in diese unwirtliche Welt. Eine unwirtliche Welt, die ins Blaue fließt und immer elbwärts oszilliert zwischen Vergangenheit und der selbst gewählten Unmündigkeit.

Thilo Krause stellt in seinem Erstling einen Mann als Protagonisten vor, der zurück in die Region seiner Kindheit kehrt. Linkerhand stehen Christina, die Mutter seiner Tochter, und die Tochter selbst, stets Kleine genannt. Rechterhand befindet sich die große Bagage aus verklärter Erinnerung: Die monströse Schuld aus Kindheitstagen, die aus dem tragischen Unfall Vitos resultiert; irgendwann die Flucht der Eltern, eine Art Sich-aus-dem-Staub-machen. Nun also macht die kleine Familie eine Rolle rückwärts. Elbwärts. Heimwärts?

Diese Frage ist weniger rhetorisch als tragisch. Tragisch für den entwurzelten, in seiner Welt gefangenen Vater, der stets fortlief und rannte am Rand kolossalen Scheiterns. Gleichzeitig aber auch tragisch für uns Lesende, denn die 206 Seiten sind ein Stakkato an unfreundlichen Hauptsätzen, wobei der Anlass für diesen Roman bis zum Schluss unklar bleibt. Übt man Geduld mit dem Text, lassen sich zwei Handlungsstränge identifizieren, deren Synthese das große Elbhochwasser 2013 wird. Das Wasser, der Dreck, das Dreckwasser, das allen Dreck der braunen Soße der dortigen Menschen, ihren Gedanken, ihrem Hass und Selbsthass elbwärts presst hinunter zur Stadt, die auch keine ist.

‚Elbwärts‘ von Thilo Krause ist ein Roman, dessen Stil an ‚Der traurige Gast‘ von Matthias Nawrat erinnert. Sprachlich neigen beide Autoren zum verklärend Märchenhafen, beinahe Mystischen. Grundlegend unterschiedlich sind jedoch Form und Inhalt sowie insbesondere die innere Haltung der Autoren und der Romane an sich. So steht ‚Elbwärts‘ beispielhaft für eine Region in Ostdeutschland, die sich selbst nicht erträgt: „Dort, wo es die Brennnesselsuppe gibt, die Lauchküchlein. Und vielleicht auch Ei. Wie hat es gestunken gestern bei Vito. Nach Ei und Kindheit und DDR. Mein Mund ist bitter. Diese Landschaft ist bitter“ (S.133).

Diese Verbitterung ist roter Faden des Romans und brauner Faden einer infantilen Gesellschaft, die sich im klassisch Weber‘schem Sinne nie frei machte von Herrschaft und Obrigkeit. Die sich bis heute nicht als ein Bürgertum definiert, das die Belange der res publica und der Stadt aus eigenen Kräften und nach eigener Vorstellung gestaltet. Schaut man stattdessen elbwärts, erblickt man stapelweise Postkartendrucke Caspar David Friedrichs und ein ins Braune fließende Blau, dass rückwärtsgewandt nur die hässliche Fratze kleinbürgerlicher Melancholie bleiben wird. Darüber schreibt der gebürtige Dresdner Thilo Krause.

Mein Fazit: Ein Roman, den man lesen kann, wenn weniger Inhalt und Sprache interessieren als der Kontext.

  • Gelesen im November 2020
  • Mein Dank gilt Mozart für die erhellende Diskussion über Max Weber und Nick, der mir diesen Roman empfohlen hatte.

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