‚Vaterland‘ von Dieter Bongartz

Jeden Sonntag das Hochamt bei Dechant Rutge. Das war die Kindheit, erinnert sich der Junge, der jetzt als Mann, viel zu früh, schon das zweite Mal Krebs hat und noch nicht mal in der Rente ist. Er erinnert sich, wie sie Dechant Rutge bei der Messe dienten und der Vater immer, auch viel zu früh, rüber ging zu Becks zum Frühschoppen und Kartenspiel. Seht her, hier bin ich wieder, ihr Schlappschwänze, Grand ohne Drei, schwarz, mit Schneider angesagt. Und kein Piek Karo Herzbube für die Mutter. Kein Herz Ass am Schneidebrett beim Zerteilen des Koteletts für den Vater. Essen ist fertig, Rindersuppe für den Vater und den Jungen. Alles Gute zum Geburtstag, mein Junge. Halt dich gerade, Männeken. Szenen einer deutschen Familie.

„Er freut sich, freut sich nicht, sie weiß nie, ob er ihr etwas vorspielt, sie nicht enttäuschen will mit seiner Enttäuschung. Alles stellt er sich immer zu groß, zu schön, zu wunderbar vor […] In seinen Augen flackert auch etwas Unbezähmbares, Wildes, es macht ihr Angst, sie kennt das von ihrem Bruder, der sich als Erster zum Spähtrupp meldet, ein Held werden will und niemals zurückkehrt.“ (S. 111)

Ihr Bruder, der niemals zurückkehrt in die alte Stadt Quedlinburg, lange bevor der Junge geboren wird. Hier wächst die Mutter auf, zwischen 1500 Fachwerkhäusern unter dem Banner des neuen Heinrich. Hier lernt sie ihn kennen, den vor Eifer glühenden Vater ihres späteren Jungen und ihrer Tochter Ursel. Hier jubeln sie ihm zu, ihrem Heinrich, und alle zusammen den Führer. Und morgen die ganze Welt, schreit der Vater, der als Krüppel zurückkehrt. Vom Standpunkt der Wissenschaft aus müsse er tot sein, bescheinigen ihm die Ärzte. Schwester, das ist nicht mein Mann, befindet die Mutter. Der Krieg ist aus und die Schmach, die Schande über die eigene Niederlage, tief eingebrannt. Keine Schuld, nur ihre Pflicht haben sie erfüllt. Heute wieder mit weißer Weste dank Persil. Also wieder wer werden, endlich, diesmal in der alten Heimat des Vaters.

„Na? Was is nun? Was hat er dir vorgeschlagen?
Der Vater winkt ab
Is dä Koal nit wärt
lächelt, als sei das tatsächlich nicht der Rede wert. Draußen vor der Tür richtet er die blitzblanken blauen Augen himmelwärts.
Nach oben, nach vorn.
Sieger sein, immer, immer siegen wollen müssen
Hochmut gegenüber allen, die nicht dem Orden angehören
ewiger Sieger
demnächst ohne Eier.“
(S. 238)

Es ist die Geschichte unserer Mütter und unserer Väter, unserer Großmütter und Großväter, die bald nicht mehr sind. Es ist die Geschichte über das Vaterland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diese Wunderjahre der Bonner Republik. Als der Himmel groß und weit und die deutsche Welt wieder heile wurde. Als alles wieder in Ordnung kam, was die Großväter und Großmütter verbrochen hatten. Dieter Bongarzt spürt auf 271 Seiten dieser, seiner eigenen Zeit und ihrer Überlebenden nach. Im poetischen Sog seines autobiografischen Romans ‚Vaterland‘ erzählt der Autor die westdeutsch geprägte Geschichte seiner Familie. Von der Mutter aus dem Harzvorland, die den Vater an den Niederrhein folgt – Rüber und alles richtig gemacht haben wir! –, von der katholischen Enge der Kleinbürger – Die ist nicht von hier, evangelisch ist die! – und von den Skatbrüdern bei Becks nach dem Hochamt als Platzhalter für jene: Wir sind wieder wer.

Wieder jemand werden, das war der Imperativ des Vaters. Und Bongartz erforscht die Gründe, legt den Finger in die Wunden. Eindrucksvoll schreibt der 2015 verstorbene Autor über die Unvermögen seiner Eltern stellvertretend für zwei Generationen. Er mäandert zwischen den Perspektiven der Mutter, des Vaters und des Sohns. In den drei Kapiteln Der Vater, Der Sohn, Der Heilige Geist findet er die leisen Wünsche und begründet, warum bei allem Verlangen nach Zärtlichkeit, einem stillen Lächeln, meist die Hartherzigkeit triumphiert.

Bongartz ‚Vaterland‘ ist eine Vermessung moralischer und gesellschaftlicher Verwüstungen einer verklärten Zeit, die manche als westdeutsches Paradies stilisieren. Gleichzeitig ist dieser furiose Roman eine Sichtbarmachung epigenetischer Narben, die, aktueller denn je, wieder aufzubrechen drohen. Nicht, weil es den Menschen zu gut geht, sondern weil sie vergessen haben, was der überbordende Wunsch nach Autorität anrichtet.

Mein Fazit: Ich habe seit Langem keinen Roman gelesen, der so schwer auszuhalten war und mich dennoch fest in seinem Bann hielt. Und Bongartz‘ spielerisches Sprachvermögen ist bei allem Inhalt die größte literarische Freude seit Langem.

  • Gelesen im August 2026
  • Aufmerksam wurde ich auf den Roman durch die Besprechung von Franz Sommerfeld, u.a. auf Tabula Rasa.

Hinterlasse einen Kommentar