Michelle ist nicht da. Sofort hat Henry das Gefühl, etwas könne nicht stimmen. Hat sie etwa schon wieder im Hotel eine Schicht getauscht oder eine zusätzliche übernommen, wie in letzter Zeit so oft? Dabei braucht sie doch gar nicht mehr arbeiten, grübelt er weiter. Er sucht ihren Kontakt im Handy und versucht, sie anzurufen. Keine Reaktion. Leer ist die Wohnung ohne Michelle. Leer ohne ihre Energie, ohne ihre Gerüche und stillt ohne das filigrane Kratzen und Klacken ihrer Werkzeuge.
Als Henry Michelle seiner Familie vorstellt, steht sein Angebot bereits im Raum. Sie könne einziehen bei ihm. Die Wohnung gehöre ihm und ist groß genug für zwei. Auch für drei Personen, fügt er mit einem Lächeln hinzu. Henrys Mutter nimmt Michelle auf, wie sie jede seiner Freundinnen in ihren Kreis aufnahm. Mit einem umarmenden Lächeln, mit Zugewandtheit und mit doppelbödigen Fragen. Als sie erfährt, dass Michelle vor ihrem Wegzug aus der Lausitz als Schmuckdesignerin gearbeitet hat, die als präzise Handwerkerin ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht hat, vertraut sie ihr die alten Erbstücke der Familie an: zur Reparatur und zur Umgestaltung. Nun ist es still.
„Claudia drückte ihre Zigarette in den Strandascher, rieb sich die Arme. ‚Michellle. Mach’s. Solche Männer heiraten nicht oft außerhalb ihrer Liga, glaub mir, was denkst du, was ich all die Jahre versucht hab. Und er ist doch ein Guter, oder etwa nicht?‘ Michelle erkannte sie in diesem Moment, sah ihre Augenringe, ihre Lachfalten, ihre sehnigen Hände vom Wäscheabziehen, -aufschütteln, -einsortieren. […] ‚Aber, Claudia, du kannst das doch auch alles alleine schaffen, wenn du nur weiter hart genug arbeitest.‘“ (S. 253)
Besucht man die einschlägigen Nachrichtenportale, ist das Feuilleton voll mit Beiträgen über Ruth-Maria Thomas‘aktuellen ersten Roman ‚Die zweitgrößte Liebe‘. Gestellt wird die Frage, ob eine heterosexuelle Zweierbeziehung über gesellschaftliche Schichten hinweg funktionieren kann. Diese Frage versucht Thomas auf 279 Seiten auszuloten. Akribisch recherchiert schreibt die Autorin über die feinen Unterschiede sowie über die sehr offensichtlichen, über non-formale Bildung und Wunsch nach eigener Unabhängigkeit. Ihre Protagonistin, eine Frau Anfang 30 mit deutlichem Impostor-Syndrom, zweifelt und verzweifelt zunehmend an eben diesen feinen Unterschieden. Und als ihr Lebenspartner Henry ihr wiederholt einen Heiratsantrag macht, ganz besonders.
Verhandelt werden gesellschaftliche Rollenbilder in einem nicht unterkomplexen Arrangement. Ebenso auf der Habenseite zu verbuchen, ist der gut konstruierte Spannungsbogen, der trotz aller Vorhersehbarkeit die Neugier bis zum Ende stabil aufrechterhält. Gleichzeitig wiegt meine Kritik deutlich schwerer.
Thomas hat keinen soziologischen Essay, sondern einen fiktionalen Roman geschrieben. Das ist ihr leider qualitativ sehr mäßig gelungen. Wieso müssen die Protagonist:innen mit allerhand stereotypen Klischees pauschalisiert werden, wenn auch eine kluge Charakterskizze diese Funktion erfüllt hätte. Braucht es die überzogen hölzerne Skizze von Michelles Familie wirklich? Wieso muss ausgerechnet die Frau aus der Lausitz die Verliererin sein und der sexy, etwas paternalistische Romantiker aus Hamburg der Rich Guy?
Schon beim ersten Aufschlag des Romans ist doch klar, dass Michelle nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurde. Wieso muss ihrer Mutter auch noch plump Bildungsferne unterstellt werden, indem sie etwa Michelles Namen fehlerhaft in die Geburtsurkunde schreiben ließ? Beispiele, wie diese, ärgern mich, weil sie so unnötig sind.
Ja, das Gundermann-Zitat am Ende ist ein warmer Herzensmoment. Doch nur weil die Frauen aus dem Lausitzer Tagebau harte Hände gehabt haben sollen, hatten sie noch lange kein hartes Herz. Hier wären deutlich weniger Plattitüden wünschenswert und mehr Feingefühl mit literarischem Handwerk.
- Gelesen im August 2026
- Der Roman war seit Langem wieder einmal ein Zufallsfund in der Buchkantine.