Seit die Academy im Schloss von Schönerlinde eine angemessene Heimstatt gefunden hat, fühlt Alex Crow, wie es weitergeht. Dass der weitläufige Park genügend Platz biete für die notwendige Yogawiese, sieht er sofort. Etwas abseits könne die morgendliche Atemtherapie stattfinden. In der Mitte liegt der Ententeich und hinten zum Wald werden die Stallungen instandgesetzt. Seit der Eröffnung ist eine Menge passiert. Unzählige Teilnehmer:innen haben Alex‘ Wirken, und bestenfalls sich selbst kennengelernt. Was ist beständiger als der Wandel, lautet ein Schönerlinder Credo. Als Alex weder zum Weihnachtsessen seiner Bank eingeladen wird noch zum Kletterevent der Sponsoren, ist klar, die Academy steht kurz vor der Pleite.
Sehr gelegen kommt der Anruf von Dr. Finkenstein, scheidender Vorstandsvorsitzender der Aviola AG. Seine designierte Nachfolgerin Marlene Buchholz sei zwar eine ausgezeichnete Managerin und – so sein unbedingter Wunsch – seine Nachfolgerin. Nur habe der Aufsichtsrat nicht unbegründete Zweifel an ihrer Personalführung.
Finkenstein schlägt dem selbstzweifelnden Supercoach ein Geschäft vor: Er vermittele Buchholz im „Superfastmodus“, was empathische Unternehmensführung bedeutet und die Aviola würde sämtliche Trainings exklusiv in der Academy buchen… Damit wäre die Personenaufstellung dieser drehbuchreifen Vorabendunterhaltung arrangiert.
„Ein Intensivpaket mit Yoga- und Meditationsrunden, Eins-zu-eins-Coachings, Gruppenübungen, Waldbaden, Feedback-Sessions, Körper- und Energiearbeit, Shiatsu-Massagen und Thalasso-Bäder. Die Klienten wohnten in luxuriösen Appartements, es gab Ayurveda-Frühstück, ein veganes Mittagsbuffet und ein abendliches Fünf-Gänge-Menü. Kurzum, es war ein Programm für Menschen, die es zumindest nicht für ausgeschlossen hielten, dass Geld glücklich machen konnte.“ (S. 27)
Eine gefühlskalte Businessfrau lässt sich mit sanftem Druck auf ein Experiment ein, um den nächsten Step auf der Karriereleiter zu nehmen. Dabei gerät ihre klar strukturierte Welt vollkommen durcheinander. Sie lernt, Fragen an sich zu richten, statt Anweisungen an andere. Sie atmet ein… und atmet aus. Sie trifft wilde Tiere im Wald und hat einen Crush auf den Hausmeister. Alles in allem sind das hübsche Episoden auf 254 Seiten, wie sie ein breites Publikum selbst erleben könnte: Verbundenheit durch die eigene Erfahrung und Spannung durch einen klassischen Handlungsaufbau.
Das Leitmotiv in Maxim Leos aktuellem und gleichnamigen Roman ‚Einatmen. Ausatmen‘ lautet: Lasst uns spielerisch warme Klischees in leichte Wohlfühlepisoden betten. Wie auf Kissen, die nicht kratzen, nicht drücken, zunächst vielleicht etwas zu hoch sind, aber recht schnell abflachen, damit Mann* und Frau* in einen ruhigen, traumreichen Wohlfühlschlaf versinken. In etwa so lautete die empathische Beschreibung für … einatmen – lasst eure Atmung fließen – … ausatmen!
‚Einatmen. Ausatmen‘ ist ein geschmeidiger Roman, der perfekt in die Reihe seines Autors passt. Es tut nirgends weh, ist aber leidlich vollgestopft. Wenn auch gelegentlich eine Menge wilder Dinge passieren, man verzeiht es dem vorarbendprogrammreifen Plot. Es ist ein Roman, der zum Wegblubbern perfekt ist. Naja, und der Lebensfragen thematisiert, die man auch außerhalb der Academy wunderbar erörtern kann.
- Gelesen im Juli 2026
- Liebe Birte, lieber Mario, vielen Dank für euer lustiges Geschenk!