‚RUTH.Moabit‘ von Anna Opel

Der heiße Sommer 2015. Menschen im Kleinen Tiergarten, viele Menschen. Sie stehen an, sie warten. Warten auf Einlass ohne Wasser bei 35 Grad. Noemi ist längst angekommen. Eine Frau mittleren Alters, die schon lange hier lebt. Hier, in diesem Moabit. Bereits vor dem Mauerfall zog es sie fort aus der Provinz, aus der selten Anrufe kommen, kommen sollten. Aber sie kommen nicht und wenn doch, mit schlechten Nachrichten. Und nun der Gast in Jules altem Zimmer. Noemis Mann Tom und ihre Tochter Jule haben nichts dagegen. Etwas tun, einer jungen Frau helfen, die viel, vielleicht zu viel, hinter sich hat. Allein aufgebrochen ist Rahua ohne großes Lebewohl, überhaupt ohne Lebewohl. Weg aus Asmara, durch die Wüste, über das Meer, das endlos schien bei 35 Grad ohne Wasser. Ohne das richtige.

Schließlich der Anruf. Noemi selbst ruft an in der Wilsnacker Straße bei Tom, bei Jule. Sie sollen kommen der Mutter wegen. Wenige Wochen später ein weiterer Anruf. Es sei etwas passiert, so der Notarzt. Hinsetzen, Atem holen, tief Luft holen, die Akten beiseite legen, Fenster auf, Halt finden auf dem Boden, den sie – Noemi – unter den Füßen verlor. Abbruch, Aufbruch. Jule fort und Tom verlassen. Auch Rahua ist aufgebrochen nach London, wie sie auf einer Karte schreibt. Also Aufbruch. Wieso nicht London? Neustart.

„Rahua muss selbst nicht alles verstehen, versteht nicht immer, was andere tun. Das ist normal, hier in Europa. In dieser anderen Welt mit anderen Gesetzen, wo alles da ist, was du brauchst, wenn du dazugehörst.“ (S. 181)

Ankommen in der Fremde, die Fremde nördlich der Spree, dieses Sumpfgebiet einst vor den Toren der Stadt. Die Randlage wird abseitiges Zentrum. Auch 300 Jahre nach der Gründung Moabits ist der Flecken im Zentrum Berlins Ort des Ankommens. Anna Opel hat Moabit als Schauplatz ihres ersten Romans gewählt vor dem Hintergrund der Flucht Hunderttausender im Sommer 2015, als das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales beispielhaft für das Versagen deutscher Verwaltung steht. Die Protagonistin Noemi ist Anwohnerin, die Moabit als Haltung begreift. Aktiv wird zu einer Zeit, als sie letztlich vieles, vielleicht alles verliert und den Aufbruch wagt, wie Rahua.

‚RUTH.Moabit‘ sind 221 Seiten, deren Vielschichtigkeit Köpfe bewegt und Herzen anrührt. Anna Opels Analogie zum alttestamentarischen Buch Rut erzählt die Leidensgeschichte, die zur Flucht motiviert und dem Verlust der Engsten. Der vierteilige Roman stellt einerseits Berliner Realität, oder besser, Moabiter Normalität in den Mittelpunkt mit einem Lebensgefühl, das typisch ist für die Zeit und die Menschen dieser Stadt. Andererseits das verheißene Land, das Land hinter dem Meer, um neue Wurzeln zu schlagen, neu anzufangen nach dem Abbruch, dem Verlust. Und die Bühne dafür das Land Moab. Die Insel Moabit eingezwängt zwischen Spree und drei Kanälen.

Wie selten ein anderer Roman hat mich ‚RUTH.Moabit‘ tief berührt und bewusst zum langsamen Lesen eingeladen. Denn die Autorin schreibt von dem Ort, der mein Zuhause ist. Das Unfertige, das Rotzige, die alten Prachtstraßen im semi-neuen Glanz. Ob mich der Roman auch ohne den Schauplatz in dieser Form erreicht hätte? Sehr wahrscheinlich, denn ‚RUTH.Moabit‘ ist ein Roman, der in die Herzen schaut, hinter die Fassaden, sehr direkt im Stakkato spricht zwischen Güllü Lahmacun und Fahrrad Gerhardt.

„Die Gefängnisse mitten in der Stadt, die ehemalige Kaserne des vierten Garderegiments. Auf dem Trümmerberg wurde nach dem Krieg ein Park mit Sportplatz und Badeanstalt angelegt, und all diese Orte flüsterten ihr Details einer holprigen Geschichte zu, und wahrscheinlich war das der Grund, warum sie sich gehalten fühlte von diesem Ort.“ (S. 42)

  • Gelesen im April 2022
  • Was für ein wunderbarer Zufallsfund in der Buchkantine, Dortmunder Straße 1 in Moabit.

2 Antworten auf „‚RUTH.Moabit‘ von Anna Opel

  1. Ich bin in Moabit aufgewachsen und zur Grund- und Oberschule gegangen. Ich werde mir das Buch sehr gerne ansehen! Vielen Dank für diese Besprechung!

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