Achtung, Theater! – ‚Geht es dir gut?‘ an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Radio Gold trällert im Hintergrund. Ist das der Sound meines Lebens? Wo bist du gewesen die ganze Zeit? Wo warst du? Drinnen vor der Tür oder draußen vor Tür? Nein, ich war nicht weg. Ich war im Homeoffice. Und wo warst du? Jetzt stehst du drinnen vor meiner Tür und schaust mich an. Mit deinen Augen, deinen schönen symmetrischen Augen und deiner schmutzigen Maske! Hier, ich gebe dir eine saubere. Ich habe dir doch diesen Artikel geschickt in dem steht, dass Masken lächeln. Ist das nicht schön? Sie lächeln. Sie lächeln aber nur, WENN SIE SAUBER SIND!

Und jetzt sind wir uns so fern. Entfernt haben wir uns kilometerweit. 2000 Kilometer weit, 2,5 Millionen Lichtjahre weit plus 1,5 Meter. 1,5 Meter, 1,5 Grad, 1,5 Atomkoffer mal zwei. Und das jetzt auch noch on top! Drinnen vor der Tür, draußen vor der Tür. Ich sitze drinnen vor der Tür. Sitze einfach da und schaue fern. 30.000 Stunden Netflix. So viel habe ich für dich gemacht und nun du bist weg. Meine Psychologin sagt, die kommt nicht zurück. Du kommst nicht zurück? Ich würde mir so wünschen, dass du zurückkommst. Überschäumen will ich wie ein Glas Wein. Wie ein Glas Bier, das ich jetzt trinke. Das ich jetzt trinke, weil ich einfach gerne trinke.

Seit zwei Jahren bin ich besoffen und zappe durch die Nachrichten. 2000 Stunden Nachrichten. Die Welt ist nicht mehr 3D. Sie ist jetzt 2D. 3G, 2G, 1,5 Millionen Lichtjahre entfernt plus 1,5 Meter. 1,5 Meter, 1,5 Grad. Fabian Hinrichs läuft hin und her auf der Bühne. Nicht im Homeoffice, sondern 3D. 3G, nicht 2G. Er läuft, er singt, er mutet zu, mutet viel zu, aber nicht zu viel zu. Die Monologe, die Dialoge mit sich selbst, flehendes Geschrei ins weite Rund der Bühne, die quälende Leere, die verlassene, einsame Stille Berliner Altbauwohnungen. Was soll jetzt noch passieren? On top? Fliegt nicht ohne mich, ja? Versprecht es. Ihr müsst es mir versprechen. Ich nehme mir ein Taxi, ja? Kurzstrecke Mitte, Steglitz. Weggeflogen sind sie in der Rakete.

Woher taucht ihr einmal auf? Auch aus dem Taxi? Ihr habt Pollesch und Hinrichs im Palast besucht? Ihr könnt es haben das Taxi, ich schenke es euch. Aber wieso denn der Gesang am Ende, die Afrikan Voices, die Bulgarian Voices Berlin und die Flying Steps Academy? Das verstehe ich nicht, auch nicht on top. Ich glaube ja, dass René Pollesch wirklich viele gute Ideen hatte und dachte, die pack ich oben drauf. Einfach dazu, on top sozusagen. Das war nicht immer so gut, aber oft. Wenn ich hier nun in meiner Walnuss liege und nachdenke, dann frage ich mich: Geht es dir gut? Ja, früher. Ich denke, ‚Geht es dir gut?‘ an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ist genau das, was Theater sein soll und leisten muss. Es ist die große Rakete, die trotz Pandemie und Krieg und Klimakrise und plus 1,5 Meter einfach hier landet. Hier auf der Bühne, auf der Fabian Hinrichs 90 Minuten großartig spielt und sich sein Standing Ovation richtig verdient hat – on top plus Einskomma, ohne Komma.

  • Gesehen am 2. April 2022
  • Und hier die Stimme der Nachtkritik.

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