Achtung, Theater! – ‚Die Regression‘ am Staatsschauspiel Dresden

Am Scheitelpunkt der Zivilisation, im Zenit von Fortschritt und Technik wird ein Kind geboren, wie es tagtäglich in den Kliniken der Welt Routine ist. Dennoch, und damit wird dramatisch die Kehrtwende eingeleitet, verkomplizieren sich Geburt und Handlung und binnen weniger Minuten ist die Mutter tot. Verblutet. Der Vater, allein mit Kind und Sorgen in eine scheinbar feindliche Welt gestellt, fragt – nein – stellt fest: Die Wissenschaftler, die Wissenschaft ist es, sie ist schuld. Überhaupt, überall ist sie schuld. Viel zu viel davon. Zu viel Technologie, die Strahlen, überall Strahlung, überall und der Vater beschließt die Umkehr, den Weg zurück, zum Ursprung vielleicht.

Zurück zum Ursprung soll es gehen. Dem Weg des Vaters zu folgen, beschließt Dorn. Und als ihr Vater nicht mehr ist, ist Dorn bereits charismatischer Kopf einer noch kleinen aber ausgesprochen wirkmächtigen Gruppierung – die Regressionisten. Die Regressionisten haben Wissen, Wissenschaft und Technik zu Feindbildern erklärt und gehen gewaltsam insbesondere gegen die Repräsentant:innen der Wissensgesellschaft vor. Sie sprengen Labore in die Luft, erschießen Studierende, erklären Modernes zum Feindbild. Technologien, die Lebensgrundlagen aufzehren und die Umwelt zerstören, sind abzulehnen. Radikal! Jetzt! Gewaltsam!

Natürlich können so radikale, so grundsätzliche Veränderungen, die der Nationale Regressionsrat beschlossen hat, nicht ohne Gewalt umgesetzt werden, wie der herausragend spielende Marin Blülle im Appell der dritten Generation zum Fortgang der fortschreitenden Regression mit Verve vorträgt. Berechtigtes Hinterfragen, diskursives Forschen nach allgemeingültigen Antworten schlägt in ‚Die Regression – der Weg zurück‘ um in ein Fanal gegen die Moderne. Die kurz vor der Pandemie auf die Bühne des Staatsschauspiel Dresdens gebrachte Arbeit in der Regie von Lovis Fricke erscheint rückblickend wie die bedrückende Vorwegnahme aller Querdenkenden.

Die Decke der Zivilisation ist hauchdünn. 100 Jahre und vier Generationen verdichtet auf 90 Minuten, die rasant, handwerklich gelungen und schauspielerisch ausgesprochen sehenswert vom Weg zurück, vom Weg zum Ende der Geschichte erzählen. Erschreckend real beschreibt Frickes Arbeit die Sollbruchstellen zwischen Rationalität, Verschwörung, Esoterik und dem allgemeinen Versprechen auf eine glückliche Zukunft. Hannah Rolands Bühnenbild wird dabei selbst zur materialisierten Regression, wenn die Schauspielenden ihr Bühnenbild nach und nach demontieren: Die zivilisatorische Auflösung im symbolischen Widerhall von Kostüm, Sprache, Habitus. Gleichwohl eine allgemein subtilere Rahmenerzählung der Inszenierung durchaus gutgetan hätte, hat das Staatsschauspiel Dresden mit ‚Die Regression’ ein Stück im Repertoire, das sich lohnt und alles in allem einen erbaulichen Theaterbesuch verspricht.

  • Gesehen am 5. März 2022
  • Diesmal ohne Stimme der Nachtkritik.

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