‚Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen‘ von Jaroslav Rudiš

Als 1835 unter Dampf der erste Zug Menschen auf eiserner Bahn von Führt nach Nürnberg brachte, brach eine neue Zeitrechnung an. Überall wurden Gleise verlegt in den deutschen Landen, in Frankreich, Belgien, der Schweiz und dem weiten Mitteleuropa. Das Flügelrad wurde schnell zum Wappen der Eisenbahn, die Räume öffnete, Menschen verband und die Welt ein Stück weit demokratisierte. In den entlegensten Winkeln entstanden Kapellen, Kirchen, Kathedralen des Verkehrs. Stolze Bauten aus Stein und Stahl, die auch heute noch große und kleine Augen zum Leuchten bringen. Und so wie die Bahnzeit die Göttin der Eisenbahn wurde, ist das Kursbuch die Bibel für Eisenbahnmenschen wie Jaroslav Rudiš.

„Über meine Fahrten schreibe ich in diesem Buch. Über die Geschichte und die Geschichten, die mir die Schienen, Bahnhöfe, Züge und Menschen erzählen. Denn das ist für mich die Eisenbahn.“ (S. 23)

Genau diese Geschichten sind auf 252 Seiten Inhalt von Rudiš‘ Kursbuch. Er schreibt von seiner Kindheit in der Tschechoslowakei, der kleinen Wohnung mit Blick auf den Prager Hauptbahnhof und seiner Familie, deren Mitglieder eng mit der Eisenbahn verbunden sind. Von seiner ersten Führerstandfahrt auf der Brejlovec 1987. Von seinen Fahrten im Speisewagen zwischen Prag und Berlin. Von der Systematik der Baureihennummerierung und dem Orchester einer Taurus, das bei jeder Anfahrt fröhlich erklingt. Von einmal Deutschland in 40 Stunden und dem Alltag der Fahrdienstleiter:innen auf Mitteleuropas Bahnhöfen. Von U-Booten, gebrochenen Nasen, dicken Babelsbergerinnen, Weißen Haien, Krokodilen und auch von meiner geliebten Baureihe 130, die mir in der Oberstufe, wegen der Nähe meiner Schule zum Oberen Bahnhof, den Unterricht oft viel erträglicher machte. „Zug mit Schluss durch“, wie meine Mathelehrerin bei jedem Güterzug am Fenster stehend sagte.

‚Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen‘ ist jedoch weit mehr als kurioses Nischenwissen für Liebhaben:innen. Rudiš‘ Reiseberichte sind gleichzeitig ein Kulturlexikon der Eisenbahn. Ob Joseph Roths ‚Stationschef Fellmerayer‘, Sten Nadolnys ‚Netzkarte‘ oder der Einfluss der Eisenbahn auf Dvořák Schaffen: Dieses Buch verdichtet Industrie- und Kulturgeschichte auf so warme, liebevolle Weise, dass es viel zu schade ist für funktionale Schnellfahrstrecken. Vielmehr ist es wie eine gemütliche Triebwagenfahrt in der RB 45 von Gießen nach Fulda, wo noch alte Formsignale die Ausfahrt anzeigen und Streckenwärter:innen von Hand die Schranken bedienen. Dieses Buch ist ein Kursbuch, das durch jede Quarantäne trägt. Das Kindheitserinnerungen aufleben lässt und ein sprachlich so fantasievolles Plädoyer für die Eisenbahn deklamiert, das ich es – natürlich – außerordentlich empfehle. Allzeit gute Fahrt!

  • Gelesen im Februar 2022
  • Selten hat mir ein Weihnachtsgeschenk so viel Freude bereitet wie dieses Buch, liebe Susann. Herzlichen Dank!

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