Achtung, Theater! – ‚Berlin Oranienplatz‘ im Maxim-Gorki-Theater

Berlin, Berlin. Can ist hier aufgewachsen. Auf seiner Insel hinter der Mauer. Can, Baujahr `82, wie sein Mercedes 230E. Das beste Modell aller Zeiten. So wie Can, der als Designer wirklich Schönes schafft. Er kopiert und er kopiert viel: Taschen, Uhren, Gucci-Kleider für Hinz und Kunz. Kreuzberg 36, zwischen Kotti und Böcklerpark, zwischen Moritzplatz und Mariannenstraße. Aus und vorbei für diesen Tag und vielleicht für die Zukunft. Die ganze, so scheint es für Can. Einmal werden wir noch wach, heißa dann ist Abflugtag? Tegel TXL? Tegel JVA.

Dieser Tag ist Cans letzter Tag in Freiheit. Er wurde erwischt, angeklagt, verurteilt. Der Strafvollzug steht kurz vor der Tür und Can beschließt, abzuhauen. 11 Uhr beginnt seine Tour durch das SO 36. Alte Freunde:innen, Menschen, die sein Leben prägen. Eine Abschiedstour durch seine Stadt, sein Kreuzberg. Im 230E ein letztes Mal Mama umarmen und vom Vater abschätzig Missbilligung erhaschen. Abflug, Can, du Hochstapler, du Möchtegern, du guter, herzensguter Can. Ob er bleiben solle, fragt Can. Keine Antwort.

Berlin, Berlin. Berlin, Oranienplatz! 90 Jahre nach Alfred Döblin schreibt Hakan Savaş Mican über die zeitgenössische Stadt an der Spree. Bekannt ist Mican für video-visuelles Theater, das während der 90 Minuten ‚Berlin Oranienplatz‘ wahnsinnig ermüdet. Wer Kino will, soll ins Kino gehen. Zum Überdruss verpasst Mican jedes Tempo. Seine Geschichte vom Abschied wird zum Abschied vom Publikum, das er bereits im ersten Viertel verliert.

Mich verliert er nicht! Sein Rückgriff, der zum positiven, zum hoffnungsvollen Ausblick wird, ist sein Clou. Wenn seine Mutter Aysel mit ihm an den Wannsee will, morgen. Wenn der Hoca Mesut Can tief ins Herz blickt und ihm das Allerallerbeste wünscht. Wenn Zeynep sagt, seine Jugendliebe: „Mach bloß keinen Scheiß, du Blödmann!“

Während meine beiden Begleiter von Langeweile gequält auf unbequemen Stühlen minütlich ihr Gewicht von rechts und links verlagerten, triggert ‚Berlin Oranienplatz‘ in mir das große Versprechen Berlins. An den unscheinbaren, ranzigen Orten ganz nah bei den Menschen, die diese Stadt so lebenswert, zur Stadt der Freiheit machen. Trotz aller formalen und dramaturgischen Kritik ist Micans Auftakt zur Berlin-Trilogie für mich der fröhliche Blick in die offenen, lachenden Herzen abseits vom Ku’damm und Rosenthaler Platz. Und diese offenen zauberhaften Herzen werden durch ein Ensemble getragen, das abholt, mitnimmt und anrührt.

  • Gesehen am 15. Dezember 2021
  • Und hier die Stimme der Nachtkritik

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