‚Crossroads‘ von Jonathan Franzen

Weihnachten steht vor der Tür in New Prospect 1971, einem fiktiven Vorort Chicagos. Heftiger Sturm hat den Mittleren Westen fest im Griff, was den Entschluss, das heilige Fest mit der heiligen Familie zu verbringen, zu einem Geschenk des Herrn persönlich werden lässt. So hat sich zum Beispiel Clem auf den Weg gemacht ins elterliche Haus. Dem elterlichen Pfarrhaus der Familie Hildebrandt, das er bis zum Studium bewohnte.

Bewohnte mit seinem Vater Russ, einem Jugendpfarrer, den die eigene Jugendgruppe vom Acker jagt. Mit seiner Mutter Marion, die einem Leben einem ungelebten Leben nachhängt. Seiner Schwester Becky, dem beliebtesten Mädchen der Highschool, die – Gott sei Dank – die Liebe und Gott findet. Seinen Brüdern Perry und Judson, von denen der eine hochbegabt und Drogen zugeneigt ist und der andere das Küken der Familie. Die heilige Familie Hildebrandt aus New Prospect 1971.

Jonathan Franzens neuer Roman ‚Crossroads‘ spielt rund 25 Jahre vor seinem Meisterwerk ‚Die Korrekturen‘. Ein Prolog aus der Vergangenheit. Ein Vorspann über die USA, die keineswegs unschuldig, aber moralisch antiquiert sind. Die ihr Heil im Vorstadtgeflüster und pastoralen Fakenews suchen. Mittelpunkt ist weniger das familiäre Kaleidoskop als der gesellschaftliche Großkontext, den Franzen auf 826 Seiten verdichtet. Vietnam, Woodstock, Martin Luther King, Sex, Drogen, die Pille und die Erkenntnis, dass die innere Migration nicht der Weg und das Ziel sein kann.

Franzens Literatur ist einerseits epische Gesellschaftsliteratur von Weltrang und andererseits eine soziologische Monografie. Der Autor uns mit in die First Reformed Church, einem weißen Idyll zur weißen Winterzeit. Franzen analysiert das Seelenleben der Protagonist:innen penibel, ihre Wünsche, Träume, Triebe, ihr Verlangen und das Wissen um die eigene Unfähigkeit. Fehlbarkeit in Hinblick auf Gott und ein Amerika, das widersprüchlicher, dogmatischer, ideologischer nicht sein kann. Franzen fasst die Bigotterie beim Schopfe und entzaubert Religion als vermeintliche Heilsbringerin mit scharfem Blick in den Spiegel. Durch eine Naivität, die zynisch hinabschaut, andererseits wertschätzt und respektvoll alles auf die Schippe nimmt, was in New Prospect Rang und Namen hat.

Formal wird ‚Crossroads‘ multiperspektivisch aus Sicht der Familie Hildebrandt erzählt. Fürsprache und Gegenrede, Fürbitte und Beichte in einem Satz, einem Gedanken, einer Episode. Was Franzen sowohl bei seinen ‚Korrekturen‘ als auch bei ‚Unschuld‘ und ‚Freiheit‘ schafft – nämlich seine Leser:innen auf knapp 1000 Seiten nicht zu verlieren – wird nun zum Drahtseilakt. Zum einen wegen eines überdehnten Spannungsbogens. Zum anderen wegen seiner vermeintlichen, gut gemeinten Ehrlichkeit. Einer Warmherzigkeit, die sich als der blanke Sarkasmus entlarvt. Kein netter Blick aus Kalifornien auf das Leben in den Flyover States.

Mein Fazit also: ‚Crossroads‘ empfehle ich all jenen, die gerne in die Kirche gehen. Und all jenen, die Soziologie und Geschichte studieren wollten, aber nicht den Schneit besaßen, es durchzuziehen. Und all jenen, die große Gesellschaftsliteratur schätzen, sich selbst nicht zu wichtig nehmen und 800 Seiten gerne lesen und im Anschluss unter den Weihnachtsbaum legen.

  • Gelesen im November 2021
  • Aufmerksam geworden durch die Besprechung in der Süddeutschen von Felix Stephan.

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