‚Die Korrekturen‘ von Jonathan Franzen

Liebe Leserschaft! Alle Jahre wieder – es ist soweit. Weihnachten steht vor der Tür. Gerne komme ich dem Wunsch nach, einen besinnlichen Weihnachtsroman vorzustellen. Was gibt es Schöneres, als leuchtende Kinderaugen vor dem Christbaum zu sehen? Diese rhetorische Frage stellt sich auch Enid Lambert. Enid ist Alfreds Ehefrau und Mutter ihrer gemeinsamen drei (erwachsenen) Kinder Denise, Gary und Chip. Alfred, viele Jahre leitender Angestellter bei der Eisenbahn, hat seine Pensionierung leider nur schwer verkraftet. Besser gesagt: Er hadert. Buchstäblich vergräbt er sich im Keller. Er unterliegt zudem körperlichem und geistigem Verfall. Rapide! Vor diesem Hintergrund äußert Enid den mütterlich liebenden Wunsch, ein letztes Mal in St. Jude mit der ganzen Familie Weihnachten zu feiern. Weihnachten bei ihnen. Bei ihnen im Kreise der Familie. Bei ihnen im Hause glücklicher Erinnerungen.

Enids Wunsch ist Leitmotiv. Und zwar ein ganz ausgezeichnetes! Wie wir aus eigener Erfahrung wissen, gehören die Weihnachtsfeiertage jährlich zu den Anlässen, bei denen sich unser Haupthaar unwillkürlich zu neuen Grauschattierungen entschließt. Im Vergleich dazu ist das Leben der Lamberts-Kinder absolut bunt und vielfältig. Gary, depressiver Banker und überforderter Vater von drei Kindern, leidet still unter seiner übergriffigen Ehefrau. Chip, entlassener Literaturprofessor, kam dummerweise auf die Idee, eine Affäre mit seiner Studentin zu beginnen. Darüber hinaus scheitert ein Versuch, als Drehbuchautor zu arbeiten. Beruflicher Erfolg scheint ihm sicher. Zu guter Letzt Denise, erfolgreiche Köchin an der Ostküste, die ihr Glück in masochistischer Arbeit und heißer Libido sieht. Guten Appetit. Was kann es also Schöneres geben, als Enids funkelnde Augen als freudige Mutter? In Anbetracht ihres dementen Alfreds und ihrer reizenden Abkömmlinge wohlgemerkt. Die Antworten lesen Sie auf 781 Seiten im Taschenbuchformat!

Der 2001 erschienene Roman ist ein ausgezeichnetes Dokument der Zeitgeschichte. Als Handlungsort dient in einem fiktiven St. Louis sowie zweier Ostküsten-Metropolen die amerikanische Mittelschicht. Wir erspüren geradezu, wie vor 9/11 die literarischen Vorbilder der Protagonisten dachten und handelten – wie sie lebten. Jonathan Franzen hat seine vielschichtigen Charaktere zudem in einer Konstellation arrangiert, was sie veranlasst, vielleicht nicht idealtypisch, aber unfreiwillig komisch, zu agieren. Äußerst komisch sogar – im doppelten Sinn.

Mit den ‚Korrekturen‘ gelang Franzen ein literarischer Glücksgriff, der nicht nur das hohe Lied der Freiheit singt, sondern irgendwie auch Tocquevilles Reisebericht atmet. Es lohnt sich also an Weihnachten innezuhalten und unbedingt diese betuliche Weihnachtsgeschichte unserer Zeit zu genießen. Vorsicht an der Bahnsteigkante und allzeit gute Fahrt.

  • Gelesen im Mai 2015
  • Großartige Empfehlung von Arne; ganz herzlichen Dank dafür!

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