‚Guldenberg‘ von Christoph Hein

Ginge es nach dem Wunsch von Bürgermeister Kötteritz, müsste Bad Guldenberg grüßt seine Gäste in großen Lettern am Ortseingang stehen. An allen Ortseingängen natürlich, so viele sind es nicht. Jedenfalls grüßt Bad Guldenberg alle Gäste, egal woher sie kommen. Auch die unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten sind willkommen. Kötteritz betont es im Stadtrat, in der Kirchgemeinde, überall. Aber sein Anliegen misslingt. Gelungen ist hingegen ein großer Paukenschlag. Das alte Kultur- und Konzerthaus konnte dank seines Engagements – und großzügigen Fördergeldern aus Brüssel – wiedereröffnet werden. Ein Punkstück am Markt und Mittelpunkt der Stadt. Holla die Waldfee.

Bad Guldenberg ist die Analogie einer deutschen Kleinstadt, deren Vorbild – wie so oft in Christoph Heins Romanen – Bad Dürenberg im südlichen Sachsen-Anhalt sein dürfte. Bad Guldenberg hat von allem etwas zu bieten: Arbeit, Kommunalpolitik, Klüngel und Intrigen, Machtspielchen auf mittlerem Niveau, die dafür umso bissiger betrieben werden. Aufs Spielfeld setzt Hein das übliche Ensemble: den Bürgermeister mit Frau im Hintergrund, einen reicher Unternehmer mit viel Einfluss, einen Pastor, dem die Gemeinde nicht folgt, eine junge Frau, die sich für Geflüchtete einsetzt, eine Polizei, die auf dem rechten Auge blind ist. Chapeau. Bad Guldenberg grüßt seine Gäste.

Nicht! Bad Guldenberg begrüßt keine Gäste. Welche Gäste auch? Die Stadt und der Roman holen niemanden ab. Christoph Hein holt niemanden ab und ich frage mich, was ‚Guldenberg‘ auf 285 Seiten erzählen möchte. Gelangweilt brach ich auf Seite 103 ab, weil uninspirierter Inhalt und sterotypes Personal eine sehr ungünstige Kombination sind. Hein versucht Widersprüchliches aufzuzeigen, Schwarz und Weiß in bunte Facetten zu verwandeln. Leider bleiben seine Figuren konturlos. Auch thematisch bleibt der Autor weit hinter längst geführten Debatten zurück. Ein Gesellschaftsroman state of the art geht anders. Vielleicht bietet ‚Guldenberg’ für manche Menschen interessante Perspektivwechsel. Doch wer auch nur zweimal pro Woche die Tagesschau schaut, fragt sich: Was möchte uns der Autor eigentlich sagen?

Heins Anliegen, gesellschaftliche Großthemen mit seiner an sich sprachlichen wie intellektuellen Kapazität vieldimensional zu verhandeln, misslingt. Migration, struktureller Rassismus, Korruption, Kumpanei, Verrohung im öffentlichen Diskurs werden banal, zu simpel auf dem Reißbrett skizziert, um meinem Anspruch an dieses Buch und diese Themen gerecht zu werden. Leider hat Christoph Hein, dessen Romane ‚Trutz‘ oder ‚Glückskind mit Vater‘ Weltgeschichte packend erzählen, wiederholt seltsam Komisches geschrieben. ‚Gegenlauschangriff‘ ist ein Beispiel, immerhin humorvoll und mit Anliegen. Vielleicht ist es auch einfach an der Zeit, den Ruhestand anzutreten. Abtreten von der großen Bühne, bevor ein wichtiger Schriftsteller selbst banal wird.

  • Gelesen im Juni 2021
  • Lange erwartete Veröffentlichung, gefunden in der Buchkantine, Dortmunder Straße 1 in Moabit.

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