‚Gegenlauschangriff‘ von Christoph Hein

Auf dem Klappentext steht, es sei Christoph Heins persönlichstes Buch. In der Tat. Denn wer keine Biografie schreibt, schreibt Anekdoten aus dem Leben – Anekdoten aus Heins bewegtem Leben. Nicht nur weil Hein der deutsch-deutsche Geschichtenerzähler ist. Ein Intellektueller ohne Allüren, aber mit großem Gedächtnis und scharfem Verstand. Man hat den Eindruck, er hat etwas zu sagen. Noch was zu sagen. Gewiss hat der das. Vielleicht auch etwas klarzustellen? Etwas, das seine Romane verhandeln, doch zwischen den Zeilen zu verschwimmen droht? Dies soll nicht passieren. Also sein Gegenlauschangriff, der manchmal dem Gejammer Hans Modrows sehr nahe kommt. Aber alles nacheinander.

Die große Stärke des Buches liegt in Heins wunderbarem Stil und seinem detailreichen Wissen. Klar – er war dabei. Wir erfahren von klugen Tricksereien gegen bornierte Zensoren. Von Freundschaft, der Allmacht des sozialistischen Friedensstaates und wie sie zerrann. Von westdeutschen Beamten, den leeren Schubladen des Ministeriums für deutsch-deutsche Fragen und wie das Maxim-Gorki-Theater vor der Schließung bewahrt wurde. Großer Dank gilt insbesondere Ulrich Eckhard! Und andererseits: „Herr Hein [..,] ich komme gerade von einer Reise durch Thüringen und Sachsen zurück. Dort gibt es ja alle dreißig, vierzig Kilometer ein Symphonieorchester! Das müssen wir schnellstens auf bundesdeutsches Niveau bringen!“ (S. 91).

Der Untertitel des 123 Seiten umfassenden Büchleins lautet ‚Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege‘. Ich frage mich einerseits, worauf bezieht sich Hein? Auf Clausewitz‘ ‚Vom Kriege‘? Wenn ja, warum so technisch, so feindlich? Und andererseits wieso deutsch-deutscher Krieg? Wieso das starke, militärische Vokabular. Hein spricht von Kombattanten und meint die Zensoren – das MfS –, ihn und sein Umfeld der Kulturschaffenden. Vor diesem Hintergrund ist der deutsch-deutsche Krieg irreführend, denn offenkundig berichtet Hein, ohne Zweifel sehr humorvoll, bisweilen bissig, vom ewigen Konflikt innerhalb des zweiten deutschen Staates. Zum Ende seiner Anekdoten, seiner Lebensepisoden hin befindet sich der Leser dann doch im Nebel der deutsch-deutschen Einigungsgeschütze. Hier passt der Titel und Hein tritt als lauter, leiser Kritiker auf. Immer begründet, aber manchmal wie ein geschlagener, bissiger Hund, der feindliche Übernahmen meint, ohne es auszusprechen.

Christoph Heins ‚Gegenlauschangriff‘ ist auch ein Hineinhorchen ins eigene Zentralorgan, die eigene Erinnerung. Er fasst zusammen, schließt ab und eröffnet seinem Leserkreis viele biografische Zusammenhänge. Nach der Flucht aufgewachsen in einem sächsischen Dorf (‚Landnahme‘), die eigenwillige Flucht für den Besuch des Gymnasiums nach Westberlin (‚Verwirrnis‘), der schleichende Verlust seiner Freundschaft zu Thomas Brasch und der Besuch der Kadettenschule in Naumburg (‚Verwirrnis‘) und, ja, zu guter Letzt natürlich das perfide System familiärer Sippenhaft (‚Glückskind mit Vater‘ und ‚Trutz‘). Mit diesem Wissen lohnt es doppelt, viele seiner Werke ein zweites Mal zu lesen. So, wie sich Christoph Hein immer lohnt!

  • Gelesen im März 2019
  • Aufmerksam geworden durch ein Interview in der Berliner Zeitung, worin auch die Frage beantwortet wird, was es mit „vom Kriege“ auf sich hat.

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