‚Berlin – Biographie einer großen Stadt‘ von Jens Bisky

Spenerstraße, Schlüterstraße, Gotzkowskystraße, Memhardstraße – unbedeutende Haltestellen nach Männern benannt, die heute keiner mehr kennt. Vielleicht ist Schlüter noch gegenwärtig, weil die Bundesrepublik sein Schloss unter Humboldts Namen neu erbaut. Von Feuerland und Tante Voss, vom Vogtland bis nach Berlin W – darüber schreibt Jens Bisky. Es ist die Fortsetzung seiner Versuche als Feuilleton­redakteur „den besonderen Zustand Berlin für ein Nichtberliner Zeitungspublikum zu beschreiben und zu kommentieren […] Die Stadt als ein einzigartiges Durchkreuzungs-, Vermischungs- und Attraktionsphänomen“ (S. 19) darzustellen. Berlin als Zustand. Das sind Ziel und Anspruch und ist im Ergebnis vortrefflich gelungen.

Wovon Bisky schreibt, ist Neu mit Alt verbunden. Modernität und Anachronistisches, nie aber Langeweile oder Redundanz. ‚Berlin – Biographie einer großen Stadt‘ ist die Biographie einer Stadt, die lange kein einheitliches Gebilde war. Gegründet als Berlin und Cölln im Urstromsumpf der Spree und irgendwann Residenz hinter Festungsmauern. Berlin verwuchs mit einigen Dörfern, Vorstädten, später Großstädten. Wuchs zur Stadt, Kulturstadt, Hauptstadt, Kulturhauptstadt und Metropole, Reichshauptstadt, Doppelstadt mit neuer Mauer. Davon schreibt Bisky in zehn Kapiteln zuzüglich Epilog. Seine Titel und Überschriften geben die Richtung vor, ohne viel oder zu viel zu verraten. 905 Seiten also und weitere 70 für Literatur-, Quellen- und Bildnachweise sind wahrlich eine umfangreiche Biographie. Doch wie die Philosophen von Seeed bereits wussten, führt zu viel Kraft in der Lunge oft zu weniger trompeten.

Wie das Dicke B an der Spree ist Biskys Biographie ein Kraftakt. Allein Haptik und Gewicht sind eine Zumutung. Eine Zumutung wie die Stadt? Es ist nicht augenscheinlich, was der Autor zu erreichen beabsichtigt. Die Steinwüste mit Bleiwüsten bestürmen? Mauern einreißen mit Tinte und Papier? Bisky lässt die Menschen der Stadt zu Wort kommen, was eine ganze Menge sind. Zitiert Originalquellen und Dokumente, kontextualisiert und schafft ein Kaleidoskop an Stimmen, Meinungen, Bildlichem, Strömungen, Geisteshaltungen. Dabei arbeitet Bisky Brüche und Wegmarken luzide heraus, die Berliner Geschichte in Meilensteine unterteilt, prägt, determiniert. Auf Seite 238 beispielsweise ist die Rede vom „Leitmotiv der weiteren Geschichte kommunaler Selbstregierung in Berlin, [dem] Motiv der Überforderung“. Man muss schmunzeln beim Lesen.

Mein Fazit: Eine Leseempfehlung mit Abstrichen. Denn ab und an holt Bisky arg weit aus. Das ist zweifelsohne auch Stärke seiner Biographie. Andererseits führen manche Passagen gelegentlich zu weit ins Märkische und die Wanderung wird stapaziös. Es ist verschmerzbar, denn Bisky schreibt kundig und hat Wahnsinns Rechercheaufwand betrieben, der fasziniert. ‚Berlin – Biographie einer großen Stadt‘ ist ein großes Buch und ein dickes obendrein. Ein Buch für Historiker und Hobbyphilologen, für Städtebummler, für Tagträumer und Nachtschwärmer. Eine Biographie für Städteplaner, Frauen der Tat und Menschen, die gerne über den Tellerrand schauen. Berlin war und ist die Stadt der Zugezogenen. Die Stadt der Hoffenden und Suchenden. Sie alle sollten Jens Biskys Biographie der großen Stadt als Präsent im Bürgeramt erhalten. Und lesen. Alle anderen übrigens auch. Es lohnt.

4 Antworten auf „‚Berlin – Biographie einer großen Stadt‘ von Jens Bisky

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