‚Der Treuhand-Komplex‘ von Norbert F. Pötzl

Ich weiß nicht, ob Ihnen der Begriff R.A.F. noch geläufig ist. Wenn ja, erinnern Sie gewiss auch Stefan Aust und seinen Baader-Meinhof-Komplex. Zugegebenermaßen habe ich sowohl das Buch nie gelesen als auch den Film nie gesehen. Was mehr über meine Lese- und Sehgewohnheiten aussagt, als über die folgende Pointe. Denn so wie ich erinnere, trat Herr Aust nie als großer Sympathieträger in Erscheinung. Hängen blieb bei mir der Autor und sein Komplex – weniger Herr Baader, Frau Meinhof und ihr Inhalt. Ganz ähnlich verhält es sich mit Norbert Pötzls Komplex. Diese Zeilen schicke ich gerne vorweg. Sollte ich ungewohnt subjektiv den ‚Treuhand-Komplex‘ besprechen, liegt es schlicht daran, dass Herr Pötzl auf Seite 18 bereits alle Vorschusslorbeeren verprasst und meine ihm unterstellte Neutralität als Journalist und Autor verwirkt hat. Dafür allerdings genau den Typus West-Mann verkörpert, den Steffen Mau vortrefflich kritisiert. #November2019NabelschauOst.

Also worum gehts? Es geht darum, dass Detlev Rohwedder am 1. April 1991 – kein Aprilscherz – von der R.A.F. vom Leben zum Tode befördert wurde. Es geht darum, dass sich Birgit Breuel als einzige Person finden ließ, die den Mut aufbrachte, die Treuhand zu leiten. Doch davon schreibt Pötzl nicht. Pötzl sinniert über Personen der Zeitgeschichte, politische Akteure und Wissenschaftler. Immer auf der Suche, schlechte Stimmung zu verbreiten und unangenehm über eben jene Personen der Zeitgeschichte, politische Akteure und Wissenschaftler zu berichten. Ich frage, wo bleibt die Treuhand? Wo bleiben die Fakten? Wo bleibt die kritische Aufarbeitung, um dem Verlangen nach Aufarbeitung (Kapitel 1) Rechnung zu tragen?

Pötzl gliedert seinen ‚Treuhand-Komplex‘ in 9 Kapitel auf 221 Seiten. Was der Autor leistet, ist Fleißarbeit. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Pötzl hat redlich recherchiert, später dann doch Fakten ins Schaufenster gestellt, die er passiv aggressiv der populistischen Masse entgegenhält. Populistische Masse meint beispielsweise die sächsische Staatsministerin für Integration, Petra Köpping (SPD), deren Aussagen und Tonalität er der AfD gleichsetzt. Pötzl seziert Köppings Buch ‚Integriert doch erst mal uns!‘ scheibchenweise. Was gut und richtig ist und der Debatte im Feuilleton absolut angemessen.

Unangemessen sind hingegen folgende Passagen: „Die Einäugigkeit mag an Petra Köppings Biografie liegen, die 1990 ebenfalls einen Knick bekam, wenn auch nicht durch die Treuhand. Seit 1980 war sie im Rat des Kreises Grimma im Bereich Handel und Versorgung tätig […] 1986 trat sie in die SED ein“ (S. 18). Was Köppings Biografie auf den ersten, zweiten, aber auch dritten Blick mit Pötzls Faktensammlung zu tun, erschließt sich nicht unmittelbar. Mir jedenfalls nicht.

Pötzls Büchlein über die Treuhand ist mehr Zeugnis über die Haltung der Treuhand selbst. Pötzl, 1948 bei Stuttgart geboren und in den Wirtschaftswunderjahren sozialisiert. Später macht er Karriere beim Spiegel. Auf der Habenseite hat der Autor Tatsachen angehäuft, die zweifelsohne stichhaltig sind. Im Diskurs stößt er dennoch auf Ablehnung. Weshalb? Weil seine Arroganz im Subtext jede Silbe wie Polytetrafluorethylen imprägniert. Während Köpping menschelt, hat Pötzl bei der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft einen Rhetorikworkshop belegte. Wer derart blauäugig  kommuniziert, sollte Maaz lesen und ihn nicht verurteilen.

Also worum gehts? Es geht darum, weniger Kritik am besprochenen ‚Treuhand-Komplex‘ zu postulieren, als an seinem Autor selbst. Selten lagen Texte vor mir, denen ich mit so viel Missbilligung und innerem Widerstand beim Lesen gegenübertrag. ‚Der Treuhand-Komplex‘ mag ein guter erster Aufschlag in der beginnenden Aufarbeitung über die Treuhand sein. Kluge und um Sachlichkeit gemühte Literatur ist jedoch das Gegenteil von Norbert Pötzls ‚Treuhand-Komplex‘. Ganz im Gegenteil sogar und zwar nicht nur rhetorisch.

  • Gelesen im November 2019
  • Aufmerksam geworden durch die Besprechung bei Andruck von Sabine Adler am 16. September 2019.

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