‚Schäfchen im Trockenen‘ von Anke Stelling

Schalömchen, die Resi hier. Ja, die Resi, der die ehemals besten Freunde die Wohnung gekündigt haben. Wohnung gekündigt? Oha! Bei jedem Inner-Circle-S-Bahnringling läuten alle Alarmglocken: Die Einen fühlen sich an die eigene Kündigung erinnert. Die Anderen fürchten, dass es auch sie bald ereilt – Staaken, erstes OG, Nordbalkon. Damit ist die Party eröffnet. Resi, Ich-Erzählerin und Protagonistin, Schriftstellerin, Mutter, keine Hausfrau, dafür Do-it-yourself-Expertin hat sich mit ihren alten Freuden überworfen. Sie verstieß gegen bour­geoises Schweigegelübde. Glasklar, dass Denunzianten im Guten Leben nichts verloren haben. An dieser Stelle endet unser gemeinsamer Weg, liest Resi im Betreff von Veras letzter Email. Freunde weg – Wohnung weg. Was bleibt ist die Bildung – die eigene. Was bleibt ist die kleine Großfamilie – die eigene.

Anke Stellings ‚Schäfchen im Trockenen‘ ist der Roman über eine Frau Mitte vierzig, die den Boden unten den Füßen verliert. Nicht das alte West-PVC ihrer elterlichen Küche in Schwaben, sondern das Ost-PVC in Schwabylon. Sie will ihren Kindern genau die Dinge mitgeben, die ihr fehlten. Die ihr geholfen hätten, auch weiterhin an das sozialdemokratische Aufstiegsversprechen zu glauben.

Was Jens Bisky empfiehlt, sind Empfehlungen, die sich lohnen (siehe Klappentext und hier). Und es lohnt sich! Stelling hat 266 Seiten mit großer Botschaft, mit Herzblut gefüllt. Elterlichem, aber insbesondere gesellschaftlichem zur res publica. Es ist eine Haltung. Die Haltung der Skeptikerin, der fragenden Ich-Erzählerin. Der linksliberalen Demokratin, die nicht hinnimmt, sondern prüft. Es ist eine Haltung, die sich in Sätzen wie diesen niederschlägt:

„Arm waren Leute, die nicht wussten, wer Le Corbusier ist. Für die er diese Wohnmaschinen gebaut hat -“ (S. 50). – „Es ist wirklich eine schöne Küche, eine wundervolle Wohnung, ich teile Veras Traum. Ich und unzählige andere. Weil es gar nicht unser persönlicher Traum ist. Er wurde uns in die Gehirne projiziert. Von wem? Keine Ahnung. Lasse Hallström? Manufactum? Von der Gala-Redaktion?“ (S. 61).

‚Schäfchen im Trockenen‘ ist ein Roman für die Menschen der Ringbahn. Für die im Kollwitzkiez und in der Bergmannstraße. Für Kevin aus dem Plattenbau, der studieren durfte. Na also! Und sogar die SPD irgendwie gut findet. Ein Roman über den kleinen Ali, der wegen eines Urban-Gardening-Projekts keine neue Sporthalle vom Bezirk zum Fußball spielen bekommt. Es ist ein Roman über das Richtig gute Leben. Über Gesinnungs- versus Verantwortungsethik. Über Sowas weiß man doch und Musst du dir halt vorher überlegen. Absolut vordergründig mit tiefen Background. Ein Roman, der oszilliert: Zwischen Rollenbildern, Vorbildern und Trugbildern. Ein Roman über die kleinen Unterschiede. Und die großen. Ein Roman darüber, wie die kleinen wieder zu großen wurden. Ein Schlag ins Kontor. Wahrscheinlich auch meins. Eine soziologische Studie, die klar, die bissig, die klug, die entlarvend ist und im wörtlichen Sinne die Sprache der Zeit trifft. Und darüber hinaus einfach ausgezeichnet ist.

Mein Fazit: Lesen und die schöne Aussicht genießen. Herzlichen Glückwunsch zum verdienten Buchpreis!

  • Gelesen im März 2019
  • Wer Anke Stellings Roman gern untersetzen möchte, findet hier Anregung sowie bei Oliver Nachtwey in ‚Die Abstiegsgesellschaft‘.

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