‚Westend‘ von Martin Mosebach

Im Hause Labonté übernehmen Alfreds Tanten die Aufgaben der strengen Mutter. Der strengen Mutter, die Alfred niemals besaß. Dafür düstere Gemälde und beladene Vorhänge, Rosen im Garten und schwere Eisenzäune davor. Alfreds Mutter verstarb im Kindsbett. Der Vater hat sich vor der Geburt abgesetzt. Und doch fehlt es Alfred an nichts. Jedenfalls materiell, aber auch ideell. Denn Alfred wird in eine Familie geboren, deren Name auch nach dem Kriege von Rang ist. Wwe. Labonté war das exquisite Warenhaus der alten Kaufmannsstadt am Main. Und dieses Renommee, das Prestige wohlhabender Bürgerlichkeit verstehen die Tanten Mi und Tildchen auch weiterhin zu pflegen. Sie müssen! Ihr Vermögen ist immens. Als kugelrunder Buddha hinter dicken Mauern in Panzerschränken verwahrt, blüht hier des Bürgers Glück, in wiedererreichtem Frieden.

Auch nebenan in der Mendelsohnstraße blüht des Bürgers Glück. Anders als in der Schubertstraße überstand das Olenschlägersche Anwesen die Bombennächte hingegen nicht. Der junge Eduard Has weilte in Genf und promovierte in Mutters Auftrag. Auch zum Kunstsammler wird Has. Nur wusste er bis dato davon nichts. Noch nicht! Eduard Has, Sohn der alten Olenschläger und Erbe der Olenschlägerschen Haus- und Grundstücksverwaltung, hat Großes vor. Von den Ketten seiner Mutter befreit, will er Maßstäbe schaffen – im alten Westend und darüber hinaus. Has ist Stifter und Macher und damit Symbolfigur des bundesrepublikanischen Wiederaufbaus.

Martin Mosebachs ‚Westend‘ ist monomental. Seine 895 Seiten stehen literarisch achtstündiger Wagner-Opern in Nichts nach. Und mit Wagner verhält es ganz sich ähnlich wie im ‚Westend‘. Man muss Liebhaber großer Gesellschaftsromane sein und Zeit mitbringen, bisweilen einen sehr langem Atem für Details. Im geradezu Mann’schen Duktus wird die alte Stadt Frankfurt wiedererweckt. Mit gewählter Sprache in gediegenem Stil atmet jede Seite und versprüht jede Zeile, jedes Wort anmutige Bürgerlichkeit. Mehr noch: ‚Westend‘ ist der Roman im Geiste freier Patrizier alter Prägung. Ein Roman des Frankfurters Mosebach über seine Stadt und ihre Bewohner.

Über viele, viele Seiten hinweg fühlte ich mich wie Kant in Königsberg, der nie seine Stadt verließ und durch die Literatur die Welt zu erklären versuchte. Dabei geht es weniger um Kant, als um den Vergleich. Denn Mosebach versteht Welten zu öffnen. Versessen entwickelt der Erzähler das Westend, die Stadt, deren Seelenleben und die Feinheiten des Alltags. Bedauerlicherweise war seine Feder stumpf, sodass die Schilderung um einen Spielzeugroller mitunter 20 Seiten in Anspruch nimmt. Was Dennis Schenk brillant nennt, ist streckenweise stark ermüdend und arg belastend. So belastend, dass sich die Eduards und Alfreds vom drückenden Dünkel provinzieller Großspurigkeit geradezu befreien mussten.

Mein Fazit: ‚Westend‘ ähnelt stark seinem Namensstifter. Zunächst faszinieren Villen und Vorgärten und die süße Beschaulichkeit fesselt. Doch je nach individueller Konstitution lässt die Spannkraft rasch nach. Ein kurzer Spaziergang wird so zur Endlosschleife.

  • Gelesen im April 2019
  • Zufallsfund in der Buchkantine, Dortmunder Straße 1 in Moabit.
  • PS: Jakob, schau: Das wunderschöne Tischdeckchen hat seine Bestimmung gefunden.

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