‚Silberblick‘ von Bernd Schirmer

Also worum gehts? Es geht darum, dass meine Buchhändlerin mir sehr viel Freude, sehr viel geradlinige Lesefreude wünschte. Genau das ist es – eine geradlinige Lesefreude durch das Leben dreier Freunde. Es geht darum, seinen Weg zu finden. Birnbaum und Schlotheim kennen sich seit Kindertagen. Clausberger ist ihr Zimmergenosse im Wohnheim. Im Wohnheim der Karl-Marx-Universität, wo Birnbaum und Schlotheim Germanistik studieren, Clausberger Jura. Ihre Leidenschaft gilt Anna, ihrerseits Studentin der Romanistik und Privatdozentin des Dreierbundes in Französisch. Rein fakultativ und mit ebenso großer Leidenschaft, mit der die Hinterwäldler um Annas Herz buhlen.

Also worum gehts? Es geht darum, sich zu entscheiden, wenn der eigene Weg gefunden. Sich zu entscheiden, den Weg anzunehmen und ihn zu gehen. Gegangen indes ist Clausberger und Anna in tiefer Trauer darüber. Also nur noch zwei im Dreierbunde. Schlotheim sorgte bei Anna schnell für Abhilfe. Und Birnbaum? Fristet mittlerweile sein Landlehrerleben im Oderbruch. Ganz nach dem Motto: „Sie wissen zwar nicht, was sie wollen, aber das mit ganzer Kraft“ (S. 221).

Also worum gehts, fragt Hilde Huster ihren Kollegen Birnbaum ständig. Hilde Huster ist Birnbaums Direktorin im Hilde-Benjamin-Kostüm. Ja worum gehts denn, liebe Leserinnen und Leser? Es geht darum, dass ‚Silberblick‘ nicht weniger ist als der versilberte Blick auf die DDR. Stumpfes Silber – sehr stumpf – aber immerhin! Bernd Schirmers Roman gleicht im Aufbau dem klassischen Drama. Sein Protagonist und Ich-Erzähler ist Beobachter und getreuer Berichterstatter einer Parabel, zu deren Ikone Anna avanciert. ‚Silberblick‘ ist eine Geschichte über das Leben in der DDR und zugleich eine Geschichte über sie selbst. Die schillereske Freundschaft im Sozialismus.

‚Silberblick‘ ist ein liebevoller Roman, mit sensiblem Gespür für die Wünsche, die grundständigen Bedürfnisse. Mit sanfter Milde ob ihrer Schwächen. Feinfühlig in der Sprache und oft tragisch in der Sache. Die 452 Seiten bestechen durch ihr Gewicht zwischen den Zeilen. Es sind die subtilen Details, die geduldigen Worte der Mutter, der Langmut des Vaters, die betuliche, auch feige Gutherzigkeit der Menschen im totalitären politischen System. Die große Pfründe sind die Alltagsgeschichten seiner Helden. Die Schauplätze, die Sitten und Gebräuche: in Beauregard bei der Kartoffelernte – Friedrich Zwo zur Freude. Die Weihnachtszeit im Erzgebirge, die Schirmer geradezu herzzerreißend, beinahe vollkommen illustriert. Wie sie nur jemand schildern kann, der sie kennt: die Weihnachtszeit im Weihnachtswunderland.

Wo so viel Licht ist, wird irgendwo Schatten sein. Kleine Schnitzer, kleine Krücken in der Dramaturgie – geschenkt. Hin und wieder ein Klischee – geschenkt. Was ins Auge fällt, ist die latente Beschwichtigung, die Melancholie darüber. Die Melancholie über das Leben. Wie das klassische Drama endete der Sozialismus auf deutschem Boden einigermaßen katastrophal. Was er angerichtet hat mit den Menschen, mit Menschenleben zweier Generationen ist es allemal. Nämlich eine Katastrophe. Viele wissen das nicht! In einem Staat, wo alles politisch war, kann das Private nicht unpolitisch sein. Doch diesen Eindruck erweckt ‚Silberblick‘ insbesondere im fünften Teil über alle Tragik hinweg. Der Nachtrag versöhnt – immerhin!

Es geht also darum, liebe Leserinnen und Leser, dass Ihnen mit ‚Silberblick‘ ein Roman empfohlen wird, der Christoph Hein in Nichts nachsteht. Ein Roman der deutlich empathischer, aber auch parteiisch ist. Der sich nicht entscheiden kann, was er sein will. Was er jedoch ganz und gar und ohne Umschweife ist, ist überaus lesenswert. Und um Längen besser als ‚Cahlenberg‘ vom gleichen Autor.

  • Gelesen im März 2019
  • Tja, lieber Jakob, was soll ich sagen: Du hast eindeutig ein ausgezeichnetes Händchen.
  • Wer ebenfalls kurzweilige Konversation über aktuelle Literatur führen möchte, sollte nicht nur meinen Blog weiterempfehlen, sondern unbedingt der Buchkantine in der Dortmunder Straße 1 in Moabit einen Besuch abstatten.

Eine Antwort auf „‚Silberblick‘ von Bernd Schirmer

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