‚Wie Demokratien sterben‘ von Steven Levitsky & Daniel Ziblatt

Harter Tobak. Aber auch krasser Shit! Dieses Buch zeigt präzise, was auf dem Spiel steht. Und wodurch. Denn „Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind“, so einst Winston Churchill. Und damit hat Churchill weise Worte gelassen ausgesprochen. Oft wurde nachgezeichnet und erklärt, weshalb im Europa der Zwischenkriegszeit und in Lateinamerika der 60er und 70er Jahre reihenweise freiheitliche durch autokratische Systeme ersetzt wurden. Warum ist politikwissenschaftliche Forschung wichtig und richtig? Um Prozesse, um das Verhalten von politischen Meinungsführern zu analysieren und geeignete, bestenfalls kluge Schlüsse zu ziehen.

Steven Levitsky und Daniel Ziblatt tun das. Sie richten ihren Blick auf das eigene Land. Mit ‚Wie Demokratien sterben‘ haben die Autoren ein Buch vorgelegt, das lange, amerikanische Linien skizzert. Obwohl mit großem Pinsel koloriert, werden Details nicht ausgelassen. Sie schreiben von institutionellen Grundlagen, ungeschriebenen Normen, der Verfassung, von Wahlrechtsreformen und stetem Wandel. Ihr Stil ist ansprechend, wenn manchmal auch redundant. Ebenso für Laien verständlich, erläutern sie wissenschaftlich gehobene Kost, ohne auf sprachlichen Anspruch zu verzichten.

Ihre Diagnose konzentriert sich auf drei Faktoren: Gegenseitige Achtung, institutionelle Zurückhaltung und Schutz der ungeschriebenen Normen. Frei nach Foucault prägen Diskurse soziale Wirklichkeit – also Sprache. Vor diesem Hintergrund zeichnen Levitsky und Ziblatt den rhetorischen Wandel von Debatten nach und erläutern anschaulich, wie öffentliche Auseinandersetzungen heute geführt werden. Sie zeigen auf, welche Normbrüche peu à peu Grenzen neu definieren. Grenzen gegenseitiger Achtung. Grenzen des Wettstreits, der als legitim gilt. Schlicht: Worauf Demokratie beruht. Nicht erst seit Donald Trump werden politische Mitbewerber als Feinde diffamiert. Trump versucht, das demokratische Fundament zu unterminieren. Die republikanische Partei stützt Trumps Verhalten und verfolgt damit eine gefährliche Appeasement-Politik, so die Autoren: „Mit solchen Taktiken begannen sich die Republikaner wie eine Antisystempartei zu verhalten. Am Ende von Obamas Präsidentschaft waren die weichen Leitplanken der Demokratie nur noch gefährlich locker verankert“ (S. 195).

Wie es dazu kam, zu Präsident Trump und schlicht, wie Demokratien sterben, lesen Sie bei Steven Levitsky und Daniel Ziblatt. Eine ausdrückliche Leseempfehlung – nicht nur für Politologen und Hauptstadtjournalisten. Auf 320 Seiten finden Sie vieles über demokratische Systeme im Allgemeinen und über die Tatsache, dass Demokratien nicht Norm, sondern historische Ausnahme sind. Insbesondere die Empfehlungen im letzten Kapitel sind für Deutschland und die Europäische Union durchaus inspirierend. Zum einen, weil Demokratien großteils durch ihren Sozialstaat legitimiert sind. Zum anderen, weil gegenseitiger Respekt und miteinander Reden gesellschaftlicher Kitt sind – über Milieugrenzen hinweg.

  • Gelesen im März 2019
  • Empfehlung aus Andruck im DLF vom 23.07.2018 und eine zufällige (Wieder)-Entdeckung beim Stöbern in der Buchkantine, Dortmunder Straße 1 in Moabit.

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