Achtung, Theater! – ‚Haußmanns Staatssicherheitstheater‘ an der Volksbühne

Als 19.34 Uhr im Saal die Lichter erloschen, passierte nichts. Bis sich der Horizont erhellt. Nun also ein Horizont in dunkelblau. Weiter passiert nichts. Bis Geräusche zu vernehmen sind und Bühnentechniker mit großer Mühe einen Wagen zur Rampe rollen und schließlich einen zweiten. Im Publikum nun leises Getuschel, vielleicht auch Raunen. Man assoziiert: Ah, ein Dachboden, nicht? Kennen wir doch. Ja, ein Dachboden. Toll! Und wie authentisch. Ist ja wie bei uns – vor dem Dachgeschossausbau. Plötzlich wieder Bewegung. Das Rollwagendach erhebt sich. Zimmer entwachsen dem Souterrain. Und weitere Räume und noch eine Etage, bis ein Mietshaus Typ Prenzlauer Berg das Portal verdeckt. Man fährt also ein Mietshaus aus der märkischen Sandstreu-Unterbühne nach oben. Wow! Vom Kohlenkeller in den dunklen Abendhimmel. Wieder Getuschel, wieder Raunen. Ach, toll, ja schau. So sah das bei Onkel Herbert auch aus. Und die Kneipe. Ist ja wie bei uns. Und wie authentisch! Jetzt schau nicht so. Wir hatten keine andere Wahl, als zu kaufen. Der vegane Latte-Macchiato-Brennnessel-Kumquat-Smoothie ist mittlerweile sehr beliebt.

Der Saal verstummt und im Mietshaus beginnen Menschen irgendetwas zu tun. Sie versuchen Dialoge, versuchen zu spielen. An dieser Stelle wusste ich, dass Leander Haußmann der Volksbühne höchst selbst den Todesstoß versetzt. Nach schier endlosen zweieinhalb Minuten war klar: Das wird eine richtige Scheiße.

Selten hatte ich so schlechtes Theater gesehen. Frank Castorf war zumindest eine Zumutung. ‚Haußmanns Staatssicherheitstheater‘ ist nicht mal das. Castorfs Gäste durften trotz allem sieben Stunden auf kalten Betonklötzen ohne Lehne Platz nehmen – immerhin. Derlei Originalität fehlt Haußmann – glücklicherweise. Es wurde an der Volksbühne also ein Stück zur Uraufführung gebracht ohne dramaturgische Bearbeitung, mit barockem Bühnenbild – Stichwort Kostümschlacht – und bar jeden Inhalts.

Die Pause war eine Erlösung. Selbst zum Einschlafen zu reizlos, wurden mir ein Genosse Minister in Damenkleidern präsentiert, Jugendkultur ohne Jugendkultur, ohne Witz, ohne Diagnose. Stumpfe Dialoge, bei denen nichts gesagt wurde und leider auch nichts gespielt. ‚Haußmanns Staatssicherheitstheater‘ ist gegenstandslos, ein Nullum. Ach, stopp, nicht ganz. Der Regisseur und Autor hat es dann doch fertiggebracht, die Arbeit des Ministeriums für Staatssicherheit derart ins Lächerliche, ins Klamaukige zu ziehen, dass es für seine Opfer eine permanente Ohrfeige ist. Theater muss Brisantes verhandeln. Das ist sein Zweck. Das Leben darf auch gern eine Komödie sein – sehr gern sogar. Dann aber – bitte sehr! – nicht vulgär-populistisch.

Mein Fazit: Schließen wir die Volksbühne. Ehren wir sie im musealen Gedenken und schanzen sie dem Humboldt-Forum als Depot zu. Die vielen, vielen ungebundenen Millionen könnten ganz wunderbar der freien Szene überantwortet werden. Berlins Schaden soll es nicht sein.

  • Gesehen am 23. März 2019
  • Hier die Stimme der Nachtkritik.

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