Achtung, Theater! – ‚Die stillen Trabanten‘ von Clemens Meyer im Deutschen Theater

Sie durchziehen Landschaften, Städte und Vorstädte, Wälder und Felder und immer weiter und weiter. Vorbei an der alten Grenze, wo er seine 261 mit gut 100 in die lang geschwungene Kurve steuert – bis zum Aufprall. Bis er die Zugbremse zieht, die automatisch alle anderen, auch die E-Bremse auslöst. Wie viele Achsen hat er hinter sich? Egal! Sie steht, seine 261. Am Ende des langen Strangs aus Stahl und Beton und Schotter, in den großen Halle am Außenbahnsteig wird zur gleichen Zeit Reine gemacht. Seit 20 Jahren übernimmt sie die Spätschicht. Sie putzt den Tag, den Dreck aus ihnen heraus, wenn die Züge schlafen gehen. Sie bringt sie ins Bett, die Eisenbahn. Bevor sie ins Bett geht, trinkt sie eine kleine Maria – jeden Abend. Und jeden Abend ist auch sie dort. Die andere Frau. Jeden Abend am gleichen Tisch. Ihre Haare, pechschwarz und glänzend. „Ich bin Friseurin, nicht Friseuse“, sagt sie, als sie sich anfreunden und anstoßen mit einem Piccolo in der alten Gaststätte in der Westhalle. Bis eines Abends kein Licht mehr im Friseursalon brennt und sie nicht mehr kommt. Doch die S-Bahn fährt weiter. Vorbei am Fenster seiner Frau und ihm. Er sollte schon längst zum Amt gehen und Unterstützung beantragen. So steht es in den Briefen. Er weiß es und geht wieder und wieder zum S-Bahnhof und steigt in die Bahn und fährt und fährt weiter bis zur Endstation. Von dort die Strecke zurück. Hin und her. Im Haus B müssen die Briefe in seiner Tasche abgegeben werden – im Haus B! Verstehen Sie? Jetzt im Haus B! Er geht. Und jeden Abend geht auch ein anderer seine Runde. Seine Tour am Objekt 95 in der Trabantenstadt. Sie kennen ihn und er kennt sie. Ganz gern hat er das junge Mädchen aus dem Objekt 95. Sie erzählt ihm von ihrem Dorf, von wo sie fliehen musste als kleines Mädchen. Wo sie ihren Hund erschossen hatten. Er hat seinen noch. Seinen Hund mit dem Namen Nummer Drei. Jetzt ist sie hier. Bei ihm in der Trabantenstadt und er soll auf sie aufpassen. Sie beschützen im Objekt 95. In diesem Objekt der Schicksale.

Bewusst oder unbewusst – die Eisenbahn ist das verbindende Element. Denn wer Leipzig kennt, Clemens Meyers Wahlheimat, weiß, es ist wahr. Sie ist von Gleisen durchzogen, wie keine andere Stadt. Wer Leipzig kennt, weiß, dass die Eisenbahn es ist: Das Verbindende, Transmitter der Hoffnung auf eine gute, eine bessere Zukunft. Eine bessere Zukunft, als es sie oft gibt in Mümmelmannsberg, in Grünau, in der Gropius-Stadt. In den stillen Trabanten, die leuchtend stumm ihre Planeten umkreisen.

Die 270 Seiten hat Armin Petras so auf die Bühne gebracht, dass sie stimmig sind und genug erzählen, um nicht zu viel preiszugeben. Aber genau! Genug, um die Bahnen der Trabanten, das Kreisen um sich selbst darzustellen. Insbesondere Peter Kurth, der mit Petras auf etliche gemeinsame Arbeiten zurückblicken kann, überzeugt über die Maßen. Dramaturgische Längen und die Frage, wieso Alexander Khuon und nicht Božidar Kocevski nackt über die Bühne läuft, können beflissen übergangen werden. In gut drei Stunden werden Figuren auf eine Bühne gestellt, denen wir tagtäglich in der U-Bahn, der Kasse im Supermarkt, der Damentoilette begegnen, mit ihnen jedoch keine Worte wechseln, weil sie unscheinbar, für uns gar unsichtbar sind. Nicht für Clemens Meyer. Ihn fasziniert die Wahrheit. Die ehrlichen Geschichten, die das Leben schreibt. Es sind sechs Geschichten aus der Mitte der Gesellschaft, die viel mehr sind als hintergründig verborgen in den stillen Trabanten. Mein Fazit: Empfehlung für Abende mit schwerem Rotwein. Lesens- und überaus sehenswert!

  • Gelesen im Oktober 2017
  • Empfehlung meiner ehemaligen Chefin; ganz herzlichen Dank dafür!
  • Gesehen am 29. November 2018
  • Hier die Stimme der Nachtkritik.

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