‚Der Apfelbaum‘ von Christian Berkel

Interrail, bevor es Interrail gab: Friedenau, Kreuzberg, wieder Friedenau, Madrid, Paris, Gurs, Leipzig, Trizonesien, Buenos Aires, West-Berlin. Wenig stringent die Route, was unter diesen Umständen nicht verwundert. Sala, die unfreiwillig Rastlose – so könnte ihr Spitzname lauten. Sala, die Heimatlose, die Getriebene ihrer Herkunft wegen.

Und dabei schien an jenem Nachmittag vieles unter einem guten Stern zu stehen. Obwohl die Wohnung ihres Vaters, ihre Heimstatt,  Ziel eines Überfalls wurde. Berlinweit zogen Banden raubend durch die guten Viertel der Stadt. Als die Sirenen der Polizei bereits zu hören waren und die Diebe flohen – vom Hof waren Schüsse zu hören – stand Sala in der Tür zur Privatbibliothek. Sie beobachtete Otto, wie er auf der Regalleiter mit einem Buch in der Hand stehend, ganz in die Lektüre vertieft, erschrak. Wie versteinert sah er in ihre strahlenden Augen, als er sie bemerkte. Sala, angstbefreit und geistesgegenwärtig, öffnete einen Verschlag, in dem Otto sich verstecken sollte. Als die Polizei ihre Befragung beendet hattet, war die Ouvertüre ihrer Liebe bereits im Präludium. Und die Interrail-Tickets reserviert. Doch davon wussten sie zu diesem Zeitpunkt noch nichts.

Was Christian Berkel auf 411 Seiten zu erzählen weiß, ist ein ausgezeichneter Roman auf Grundlage der Biografie seiner Eltern. Eines Romans, der es in sich hat: inhaltlich, sprachlich, als Exkurs in Zeitgeschichte. Sala, Tochter einer jüdischen Mutter, die ihren intellektuellen, homosexuellen Vater verließ, um sich dem republikanischen Befreiungskampf Spaniens anzuschließen, lebte als Kind in großbürgerlichen Verhältnissen. Otto hingegen, Arbeiterjunge aus Kreuzberg, wuchs in Verhältnissen auf, die von Adas nicht weiter hätten entfernt sein können. Weniger die soziale als die biologische Herkunft manifestierte allerdings eine Trennung, die nahezu hermetisch war. Otto in Russland, Sala in Gurs! Beide lösten ihr Interrail-Ticket absolut unfreiwillig.

Christoph Heins Geschichtsepen fehlt, was Christian Berkel doppelt und dreifach liefert: eine empathische, geradezu atemberaubende Sprache mit Feingefühl. Stilistisch changiert Berkel auf zwei Zeitebenen. Einerseits der Gegenwart und dem Diskurs seiner selbst mit der dementen Mutter. Andererseits der zeitgeschichtlichen Erzählung aus dem Leben seiner Eltern. Dadurch lässt sich nicht nur die hermeneutische Spurensuche des Autors vielschichtig nachvollziehen. Gleichzeitig wird Familiengeschichte zum historischen Artefakt. Das fesselt!

Oft kamen mir beim Lesen ‚Die Wohlgesinnten‘ von Jonathan Littell in den Sinn. Wer also eher bekömmliche Speisen bevorzugt, bekommt von Berkel literarischen Apfelkuchen serviert, wie ihn Oma hätte nicht besser backen können. Natürlich mit Sahne, bitte sehr!

  • Gelesen im November 2018
  • Zufallsfund in der Buchbox Lette-, Ecke Schliemannstraße in P-Berg

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