‚Die Geschmeidigen‘ von Nora Bossong

Als ich die Grundschule und Mittelstufe besuchte und die einstürzenden Twin Towers am alten Röhrenfernseher noch lange nicht einordnen konnte, erlebten die in den 70er und frühen 80er Jahren Geborenen die erste weltpolitische Eruption als tatsächliche eigene Zäsur. Aufgewachsen und geprägt im Wohlfühlkorsett arrivierten Wohlstands verschlief diese Generation die 90er Jahre zufrieden nach eigener Aussage zwischen Selbstoptimierung, dem Mantra Am Ende wird immer alles gut und der aufkommenden Ablenkungsindustrie mit Cat Content und chicen neuen Sneakers. Nora Bossong, Kind dieser Generation, fokussiert mit breitem Scheinwerfer auf eine Generation – ihre –, die nun Verantwortung übernimmt in einer Zeit, in der alte Bequemlichkeit zu Recht endgültig ihre Berechtigung einbüßt.

Mit ‚Die Geschmeidigen‘ unternimmt Nora Bossong eine spannende Exkursion. Auf 226 Seiten wagt sie das Experiment eines Soziogramms über die Menschen, denen gesellschaftliches und politisches Engagement auch in Zeiten anderer Freizeitkonjunkturen wichtig war. In ihrem dreiteiligen Sachbuch beschreibt und analysiert Bossong zunächst die gesellschaftlichen, ökonomischen, kulturellen und politischen Kontexte, die sie prägten: die deutsche Wiedervereinigung, das Ende der Ära Kohl, Wir werden nicht alles anders machen, aber vieles besser, die Erfahrung Generation Praktikum, Europa, EasyJet und die Realitätskometen des Brexit und der Wahl von Donald Trump. Klima war natürlich auch immer dabei. Ihr Urteil über die Generation Schlafwagen ist alles in allem kein gutes. Und plötzlich sehen sich diese woken Menschen mit Anfang, Mitte 40 von Problemen herausgefordert, die nicht wegmoderiert werden können. Dabei ist die Konsens- und Moderationsfähigkeit eine, oder besser gesagt, die eine wichtige und besondere Eigenschaft zum Brückenbauen, die Annalena Baerbock, Christian Lindner, Katja Kipping oder Lars Klingbeil eint und mitbringen – im Gegensatz zu dogmatischen Lagern und starrer Parteienarithmetik.

Wer sind diese Menschen? Was treibt sie an? Wo kommen sie her und wo wollen sie hin? Das sind die Fragen, die Nora Bossong in Breite wie Tiefe verhandelt. In ihrer Analyse greift sie fundiert auf Autor:innen und politische Denker:innen zurück, rekonstruiert vorherrschende Paradigmen und zitiert politische Theorien ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Die Frage nämlich: Kann die neue Generation von politischer Verantwortung tragenden Personen mit ihrer Konstitution und ihren Anlagen die Zukunft in eine Richtung gestalten, die nicht nur wünschenswert, sondern notwendig ist. Zwar stellt die Autorin insbesondere im ersten Teil die Unterschiede zwischen west- und ostdeutscher Sozialisation mehrfach heraus, allerdings behält ihre Analyse eine deutliche Westperspektive. Das ist schade und lädt gleichzeitig zur Fortsetzung ein über die besonderen Prägungen in Ost und West.

‚Die Geschmeidigen‘ ist ein Buch, das hält, was es verspricht. Mit zwar redundanten Allgemeinplätzen im mittleren Teil fasst Bossong im letzten pointiert zusammen und benennt klar Stärken und Schwächen vor dem Hintergrund der inneren Haltung Wir können es besser. Verbindendes Statement über Lager, Milieus, Parteien hinweg: Demokratie ist kein Normalzustand. Wird sie nicht täglich neu errungen, hört sie schlicht auf, zu existieren.

‚Die Geschmeidigen‘ ist ein Buch, dass kritisch und gleichermaßen ruhig die großen Herausforderungen benennt. Dass nicht im Deskriptiven verbleibt, sondern Antworten liefert. Dass ausgezeichnet geschrieben ist und die Leser:innen zum eigenen Denken herausfordert. Zu guter Letzt:

„Nur wer sicher ist […], daß er daran nicht zerbricht, wenn die Welt, von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was er ihr bieten will, daß er all dem gegenüber: ›dennoch!‹ zu sagen vermag, nur der hat den ›Beruf‹ zur Politik.“ (S. 226, zitiert nach Max Weber: Politik als Beruf, Stuttgart, 2010).

  • Gelesen im Mai 2022
  • Vielen Dank, lieber Mozart, für dein Geschenk und deinen Hinweis auf die Besprechung von Philipp Lemmerich bei Andruck vom 4. April 2022.

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