‚Zum Paradies‘ von Hanya Yanagihara

Das Haus am Washington Square soll für David Bingham kein Gefängnis sein, sondern sein Zuhause – natürlich. So will es sein Großvater Nathaniel, einer der wohlhabendsten Männer New Yorks im Jahre 1893. David sollte sich glücklich schätzen mit all dem Komfort, allen Freiheiten – gesellschaftlich, ökonomisch, finanziell – die er genießt. Andererseits sind Rang und Wohlstand keine leichten Bürden auf den Schultern eines Mannes, der in der absoluten Gewissheit lebt, die langen, breiten Schatten seiner Vorväter nie verlassen zu werden. Es sei denn? Es sei denn, er entschließt sich. Adieu, brave new world?

Eine schöne neue Welt sind die Freistaaten tatsächlich. Als Familiendynastie sind die Binghams Teil des gesellschaftlichen Hochadels, die die nördliche Ostküste aus der Union herauslöste. Die Freistaaten sind also wirklich freie Staaten mit modernsten Rechten für beinahe jedermann. Kristallisationspunkt ist die völlige Gleichstellung queerer Menschen. Und diese Egalität ist verbindende Konstante zwischen dem Leben am Washington Square 1893, 1993 und den Episoden in Zone Acht 200 Jahre später.

‚Zum Paradies‘ sind drei Geschichten in einer, deren lose Enden die Autorin schrittweise knüpft. Nach Yanagiharas großem Erfolg ‚Ein wenig Leben‘ verpasst ihr neuer Roman den erhofften Anschluss. Schlicht, die Autorin will zu viel: formal, inhaltlich, strukturell. Formal rangiert Yanagihara zwischen autofiktionaler Retrospektive einerseits, inneren Monologen in Briefform und klassischen Erzählsträngen andererseits, was zunächst für Abwechslung sorgt, aber rasch ermüdet. Inhaltlich sind der wiederkehrende Generationenkonflikt einhergehend mit dem Freiheitsdran der Protagonist:innen, den politischen Umwälzungen, der Klimakatastrophe und der permanenten Risikogesellschaft im Subtext sowie die Verhandlung von Identität auch für 890 Seiten zu viel. Und strukturell gliedert Yanagihara ihr literarisches Triptychon nach Gusto, ohne dass deutlich wird, wieso sie unnötigen Spielereien gegenüber sachlicher Stringenz den Vorzug gibt.

‚Zum Paradies‘ von Hanya Yanagihara biete viel, doch bei Weitem nicht alles. Der weitestgehend sehr erfreuliche Sprachstil in Stephan Kleiners schönen Übersetzung sowie der inspirierende Inhalt an sich können die beschriebene Unwucht nicht aufwiegen. Insbesondere im dritten Teil drängt sich mehr und mehr der Eindruck auf, die vergangenen zwei Pandemiejahre ohne Not als sahnefetten Nachtisch auch noch servieren zu müssen. ‚Zum Paradies‘ wird dadurch zu einem Roman, der unglücklich gestopft nur träge ermutigt, durchzuhalten. Mit der ins Gegenteil fallenden Utopie im ersten Teil verschenkt Yanagihara die Chance auf einen hochkarätigen und inhaltlich wunderbar erzählten Roman, der fasziniert und antreibt wie ‚Ein wenig Leben‘. Vor diesem Hintergrund rate ich ab von diesem zunächst interessant klingenden Gedankenexperiment, das hinten raus deutlich enttäuscht.

  • Gelesen im März 2022
  • Danke, Stefan, für die Diskussion im Vorfeld und deine verhaltene Empfehlung.

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